Design

Autodesign all’italiana

Die Garage Italia in Mailand bietet – unter anderem – Fahrzeug-Individualisierung vom Allerfeinsten. Wir sprachen mit Styling-Chef Carlo Borromeo.

Ein BMW i8, auf den ein neon-
buntes Gemälde des Futuristen Giacomo Balla übertragen wurde. Ein „Spiaggina“ genannter Fiat-500-Umbau in „Blu Volare“, ohne Frontscheibe und Rücksitze, dafür mit einer kleinen Dusche im Fond. Ein „Hokusai“ genannter Alfa Romeo 4C, der per Airbrush komplett im Stile des japanischen Meisters gestaltet wurde. Oder ein Ferrari GTC4 Lusso im eigens für den Firmenchef Lapo Elkann entwickelten Farbton „Azzuro Lapo“. Die auf den ersten Blick so unterschiedlichen Projekte der „Garage Italia“ verbindet bei näherer Betrachtung einiges: Kreativität, Luxus, Stil, Mode, ein gewisser Humor und eine überbordende Liebe zum Automobil. Das jüngste Projekt des Mailänder Kreativzentrums, das vom schillernden Agnelli-Enkel und zwischenzeitlichen Fiat-Marketingleiters Lapo Elkann gegründet wurde, ist der „Fiat 500 Jolly Icon-E“: ein elektrifizierter Cinquecento ohne Dach und ohne Türen, dafür mit Sitzen aus geflochtenem Seil, einer „Außenreling“ – und einem Schaltknauf mit einem Hasen und einer Schildkröte, mit dem zwischen den beiden Fahrmodi „zügig“ und „weniger zügig“ gewechselt werden kann. Das jüngste Projekt soll zugleich der Startschuss für eine kleine Serie von Elektroautos aus der Garage Italia sein, die allesamt auf klassischen Modellen basieren werden. Darüber hinaus zeigt der Jolly Icon-E beispielhaft, mit welchem „Spirit“ man in der Garage Italia ans Werk geht: Konsequent, mit Liebe zum Detail und viel Respekt für die Fahrzeuge, aber ohne Scheu vor großen Eingriffen, werden Exterieur und Interieur durchgestylt, die Fahrzeugleistung bliebt dagegen unangetastet.

Tankstelle mit Stil

Das Gebäude, das die Garage Italia beherbergt, ist ein Relikt der 50er-Jahre und zugleich ein architektonisches Juwel. Der elegante, stromlinienförmige Bau an der Piazzale Accursio im Norden Mailands war damals eine Agip-Tankstelle und diente, direkt an einer Ausfallstraße Richtung Norden gelegen, wohlhabenden Mailändern dazu, vor der Wochenendfahrt ans Meer oder an die Seen noch einmal stilvoll den Tank zu füllen, in der angeschlossenen Werkstatt noch etwas am Wagen richten zu lassen oder einfach nur über Autos zu fachsimpeln. Während der Ölkrise in den 70er-Jahren wurde die Tankstelle geschlossen und verfiel immer mehr. Bis sich vor rund Jahren Lapo Elkann in das Gebäude verliebte, es kaufte und die Garage Italia gründete, als Kreativzentrum, in dem seither die Themen Auto und Mobilität auf unterschiedlichste Arten bespielt werden. In der stylishen Bar im ehemaligen Reifenlager kann man zwischen Ferrari-Karosserien und unter Tausenden von an der Decke aufgehängten Automodellen seinen Aperitivo zu sich nehmen. In den ehemaligen Büros im ersten Stock locken Fahrsimulatoren und ein schickes Restaurant. Das Herz der Garage schlägt in der ehemaligen Werkstatt. Hier bietet die „Materioteca“ eine überwältigende Fülle von Lack-, Stoff- und Ledermustern, die Besuchern und potenziellen Kunden einen Eindruck von der Fülle an kreativen Möglichkeiten vermitteln, über die die Garage Italia verfügt.

Über die Art, wie die Garage Italia Autos stylt, über aktuelle Projekte und die Rolle, die die Lackierung dabei spielt, sprachen wir mit Kreativchef Carlo Borromeo.

Herr Borromeo, die Garage Italia lebt davon, Fahrzeuge auf beinahe alle erdenklichen Arten zu individualisieren. Warum reichen die von den Automobilherstellern angebotenen Standardvarianten für viele Menschen nicht aus?

Wir leben in einer Welt, in der wir uns wohl oder übel oft durch das definieren, was wir besitzen. Daher besteht ein tiefes Bedürfnis, uns durch ebendiese Objekte zu unterscheiden und auszudrücken. Dazu gehören natürlich auch unsere Autos. Nun ist die Auswahl an Optionen, die Autohersteller bieten können, aufgrund der Komplexität ihrer eigenen industriellen Prozesse, aber auch aufgrund von Garantiefragen, sehr begrenzt. Wir können dagegen direkt mit den Kunden zusammenarbeiten, um spezifische Lösungen für ihre Bedürfnisse zu finden. Um es einfach auszudrücken, muss ein Automobilhersteller garantieren, dass jedes Material auf dem Auto 30 Jahre lang unter extremsten Bedingungen, von der Sahara bis zum Südpol, hält. Wir hingegen können mit dem Kunden sprechen, um herauszubekommen, was genau seine tatsächlichen Bedürfnisse sind – und dafür angepasste Lösungen bieten. So landen Sie zum Beispiel bei einem Kaschmir-Interieur! Wenn das Material nach ein paar Jahren abgenutzt ist, können wir es leicht ersetzen, aber das Wort ‚Nein‘ muss ein Kunde von uns nie hören.

Wenn ich mich nicht irre, ändert Garage Italia in der Regel nichts an der Fahrzeugleistung – es gibt kein „Tuning“ im herkömmlichen Sinne. Ist das Teil Ihrer Philosophie?

Absolut. Wir neigen dazu, den Aspekt der Fahrzeugleistung komplett zu vermeiden, weil er mit unseren Grundwerten nichts zu tun hat. Wir sehen Autos nicht als Rennmaschinen, sondern als Ausdruck einer bestimmten Kultur und Objekte der Begierde. Wenn ein Kunde die Leistung verbessern möchte, weisen wir ihn in die richtige Richtung, aber wir übernehmen die Arbeit nicht direkt. Wir neigen auch dazu, größere Modifikationen an der Karosserie zu vermeiden, unsere Spezialität sind Farben, Materialien und Oberflächen.

Welche Rolle spielt vor diesem Hintergrund Ihre „Materioteca“, der Showroom, in dem Stoffe, Farben und Leder präsentiert werden?

Es ist für unsere Kunden beinahe unmöglich, sich die große Vielfalt an Möglichkeiten vorzustellen, die ihnen zur Verfügung steht. Die Materioteca ist der ideale Ort, um eine Entdeckungsreise zu beginnen, da sie es unseren Designern ermöglicht, analog vorzugehen, Farben, Muster, Materialien thematisch zu ordnen und so Ideen mit den Kunden gemeinsam weiterzuentwickeln. Die Materialdatenbank wird ständig verändert und entsprechend Trends, Jahreszeiten und spezifischen Projekten erweitert. In gewisser Weise ist die Materioteca unser Allerheiligstes, das pulsierende Herz der Garage Italia.

Wie wichtig sind Lackfarben für die Garage Italia?

Fundamental, gelinde gesagt. Wir studieren Farbe mit wirklicher Leidenschaft, sowohl was Trends als auch, was technische Möglichkeiten angeht.

Gibt es denn eine Garage-Italia-„Hausfarbe“?

Wir haben viele geschaffen, aber am ehesten könnte man Blau so bezeichnen, speziell die Varianten ‚Blu Garage‘ und ‚Azzurro Lapo‘ sind, wenn man so will, unsere Hausfarben.

Nicht alle Projekte werden mit Farbe, genauer gesagt, mit Lack umgesetzt, oft setzen Sie auch Folie ein. Wann verwenden Sie welche Technologie?

Wir betrachten Folierungen nicht als billige Alternative zum Lackieren. Wir setzen auf Folie, wenn der Prozess reversibel sein muss, zum Beispiel bei geleasten Autos, oder wenn Folie uns erlaubt, Dinge zu tun, die mit Farbe unmöglich sind – reliefartige Strukturen zum Beispiel. Wir kombinieren auch beide Techniken, um einzigartige Effekte zu erzielen, und nennen es „Wrap-Paint“.

Wo wird überhaupt die praktische Arbeit getan? Haben Sie Karosserie- und Lackierbetriebe als Partner für größere Editionen?

Das hängt sehr vom Projekt ab, einige Arbeiten erledigen wir intern, andere lagern wir an ein ausgewähltes Netzwerk von Lieferanten aus, das wir in den letzten zehn Jahren geknüpft haben. Für das Icon-E-Projekt arbeiten wir speziell mit Kleinwagenherstellern zusammen, um höchste Standards an Regelkonformität und Zuverlässigkeit zu gewährleisten.

Wie ist das Projekt „Jolly Icon-E“ denn entstanden? Wollte Fiat eine Sonderedition haben? Oder war es die Idee der Garage Italia, eine limitierte Auflage des 500 zu produzieren?

 Das Icon-E-Projekt ist völlig unabhängig von jedem Automobilhersteller und entstand aus dem Wunsch, ikonische Autos in einem modernen Umfeld nutzbar zu machen. Unsere Idee besteht darin, eine Reihe von verschiedenen Autos aus verschiedenen Epochen und Nationen auszuwählen und sie zu elektrifizieren, um mechanische Probleme zu reduzieren und sie umweltfreundlich zu machen. Den Stil und das Design wollen wir dabei auf subtile und respektvolle Weise aufrischen. Der 500 Jolly ist nur der Anfang, wir haben ihn als Ausgangspunkt gewählt, weil es das Auto ist, das unsere Philosophie und die Grundwerte dieser Initiative perfekt ausdrückt. Das nächste Fahrzeug wird der klassische Panda 4×4 sein, danach widmen wir uns größeren und exotischeren Autos.

Wie viele Fahrzeuge zählt die Edition?

Für den Jolly haben wir eine Launch-Edition von 15 Autos erstellt, die über Nacht verkauft wurden, wir schließen derzeit die Aufträge für 2020. Wir wollen die Produktion nicht künstlich einschränken, wir werden diese Schönheiten weiter machen, weil der Markt tatsächlich mehr verlangt. Für den Panda produzieren wir eine 7-Auto-Launch-Edition, die am Ende des Sommers auf die Straße gehen wird, und dann werden wir die Produktion standardisieren.

Wie funktioniert der Vertrieb? Sammeln Sie Bestellungen und entscheiden dann an einem bestimmten Punkt, ob sich eine Edition lohnt? Und was ist Ihr bevorzugter Vertriebskanal?

Bisher haben wir jedes Auto direkt verkauft, entweder durch das Zeigen eines Prototyps oder auch nur der Entwürfe und Skizzen. Wir pflegen eine sehr enge Beziehung zu einigen unserer besten Kunden und bieten ihnen die Möglichkeit, die neuen Produkte im Voraus zu sehen und an der Entwicklung teilzunehmen, wenn ihnen der Prozess Spaß macht. Das gibt uns wertvolle Einblicke und generiert eine sehr positive Art von Kundenbeziehung. Bisher ist der einzige „Vertriebskanal“, an dem wir arbeiten, Instagram, und es funktioniert wunderbar. Alles andere geschieht durch direkten Kontakt mit unseren Kunden.

Und wer sind Ihre Kunden?

Kunden von Garage Italia sind Privatkunden, Automobilhersteller und Unternehmen im Allgemeinen. Für Privatkunden erstellen wir maßgeschneiderte Anpassungsprojekte, die von einer einfachen Folierung bis hin zu einem kompletten Umbau reichen. Für Automobilhersteller arbeiten wir hauptsächlich an Miniserien und spektakulären Einzelstücken, die entweder für Aufsehen bei der Einführung eines neuen Modells sorgen oder ein bestehendes überarbeiten. Nicht zuletzt gestalten wir für andere Unternehmen Autos als Kommunikationsmittel, um Werbekampagnen und Events zu unterstützen. Das Interesse an stilvoller Individualisierung ist wirklich weit verbreitet.

Herr Borromeo, vielen Dank für das Gespräch.

mr ■

www.garage-italia.com


Carlo Borromeo

„Wir studieren

Farbe mit wirklicher Leidenschaft“


Carlo Borromeo

„Bisher haben wir jedes Auto
direkt verkauft, entweder durch
das Zeigen eines Prototyps oder
auch nur der Entwürfe und Skizzen“


Carlo Borromeo

„Wir betrachten Folierungen nicht als billige Alternative
zur Lackierung“

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