Fließende Prozesse

Die Wurmitzer GmbH gewinnt durch innovativen Neubau an Effizienz
Michael Rehm
Wer Alfred Wurmitzer zuhört, wenn er erzählt, welche Idee hinter der Gestaltung seines neuen Lackier- und Karosseriebetriebs in Saalfeld bei Freilassing steckt, spürt schnell, dass sich da jemand intensiv mit den Abläufen befasst hatte und bereit war, ausgetretene Wege zu verlassen. Von „watch zones“ spricht er, in die Fahrzeuge eingesteuert werden, und vom „lean coach“, dem Mitarbeiter, der dafür verantwortlich ist, dass die Kommunikation zwischen den Werkstattteams stimmt und die „Prozesse fließen“. „Tatsächlich kamen einige wichtige Inspirationen während der Planungsphase aus einem Fachbuch, das sich „Lean thinking“ nennt und sich eigentlich ganz allgemein auf Prozessoptimierung in Unternehmen bezog“, erinnert sich Wurmitzer, „da sind wohl ein paar Begriffe hängengeblieben.“ Dass die Abläufe im alten Betrieb nicht optimal waren, war Alfred Wurmitzer schon länger klar. „Wir gingen viel zu weite Wege und brauchten viel zu viel Platz für Teile und Fahrzeuge, die entweder noch gar nicht bearbeitet wurden oder schon fertig waren.“ Ein Ziel bei der Planung des neuen Betriebs war daher auch, die Fläche und damit auch die Kosten soweit möglich gering zu halten. „Stauraum und Pufferzonen verleiten dazu, sie auszunutzen, und irgendwann ist dann der eigentliche Workflow beeinträchtigt“, meint Wurmitzer, „das wollten wir vermeiden. Intensiv arbeitete er gemeinsam mit seinen Mitarbeitern an möglichen Konstellationen. „Fast zwei Jahre haben wir in einem kleinen Planungsteam immer wieder Abläufe durchgespielt und überlegt, wie der ideale Betrieb wohl aussehen könnte.“ Parallel dazu besuchte Wurmitzer Kollegenbetriebe, die manche Lösungen, die ihm vorschwebten, realisiert hatten. Die endgültige Entscheidung zum Neubau fiel dann, als klar war, dass Sohn Phillipp in Alfred Wurmitzers Fußstapfen treten und eines Tages den Betrieb übernehmen würde.
Linearer Ablauf
Als besondere Herausforderung erwies sich die Gestaltung von Lackieranlage und -vorbereitung. „Unsere Vorgabe war klar: möglichst wenig Rangiervorgänge, ergonomische Arbeitsplätze und ein Höchstmaß an Flexibilität“, erinnert sich Alfred Wurmitzer. Der holländische Lackieranlagenhersteller ROWIT zeigte sich in der Lage, Alfred Wurmitzers Vorstellungen technisch umzusetzen. Lackier- und Vorbereitungstrakt befinden sich nun in einer Linie. Unter einem Plenum, das die Beleuchtung beherbergt, befinden sich nun drei Vorbereitungsplätze mit Zu- und Abluft, die per Deckenschienensystem mit einem Infrarotstrahler versorgt werden. Direkt an die drei Vorbereitungplätze schließt sich ein durch einen Vorhang abgetrennter „Reinraum“ an, an dem letzte Reinigungs- und Abklebearbeiten erfolgen. Von dort geht es seitlich über ein Rolltor in eine von zwei Kombikabinen. Alle diese fünf Stationen sind mit einem Bodenschienensystem versehen, sodass Fahrzeuge ohne Rangierarbeiten von jedem Platz der Vorbereitungszone bis in die Kabine geschoben werden können. Getrennt durch den Lackmischraum schließt sich an diese Kombikabine eine weitere Kombikabine an, die mit einem gasbetriebenen Infrarotbogen der Firma Greentech ausgestattet ist. Der Bogen wird, wie auch die beiden Kabinen, mit Flüssiggas betrieben. „Wir machen hier relativ viele Einzelteillackierungen für Autohäuser, die wir oft unter hohem Zeitdruck ausführen müssen“, erläutert Wurmitzer. „Mit dem Strahler können wir das deutlich schneller als bisher machen. Wenn zum Beispiel eine Stoßstange morgens hereinkommt, können wir sie bis zum Mittag fertig lackieren – und zwar so, dass sie wirklich montagebereit ist –, während auf der anderen Seite der Workflow kontinuierlich weitergeht.“ Zahl und Umfang der Aufträge, die mit dem Bogen getrocknet werden, sollen noch gesteigert werden.
20 Prozent effektiver
Im Juni 2015 wurde der Betrieb in der neuen Werkstatt aufgenommen; schon jetzt zeigt sich, dass man mit diesem Konzept richtig lag: „Ich denke, dass wir im Schnitt 20 Prozent effektiver sind. Wir können aber nicht nur mehr Aufträge in derselben Zeit bearbeiten, auch die Fehlerquote hat sich deutlich reduziert“, betont Alfred Wurmitzer, „und was ganz wichtig ist: Die Arbeit geht einfach ermüdungsfreier, entspannter vonstatten.“