Gründliche Prüfung

Autoservice – ein Muss für den Karosserie- und Lackierbetrieb?

Marina Markanian

Das Unternehmen ständig weiterzu- entwickeln und neue Märkte zu erschließen, ist die Aufgabe des Unternehmers. Dabei geht es im Kern um die Identifikation von Markt- und Marketingchancen, das Analysieren von Kunden und Wettbewerbern. Anders scheint es jetzt mit dem Thema Autoservice/Mechanik zu sein. Seit einigen Jahren wird im Markt über Full-Service-Werkstätten gesprochen. Diese Ausrichtung kann sicherlich für einige K+L- Betriebe sinnvoll und wirtschaftlich erfolgreich sein. Jedoch hat die Thematik mit dem Vorpreschen der HUK-Coburg und ihrem Geschäftsmodell Service Select eine andere Dynamik aufgenommen. Plötzlich fragen sich viele Betriebsinhaber, ob sie um den Autoservice erweitern müssen?
Eine allgemein gültige Lösung kann es wie so oft nicht geben. Um die Ungewissheit zu minimieren, möchten wir aus betriebswirtschaftlicher Sicht konkrete Informationen liefern, die als Entscheidungshilfe für den Einstieg in die Mechanik und damit die Entwicklung hin zum Full-Service-Betrieb dienen. Wenn der Betriebsinhaber die Thematik grundsätzlich durchleuchten möchte, sind dabei drei Schritte zu beachten (s. Abb. 1):
Eine wichtige Rolle kommt der Beurteilung der Ausgangssituation zu. Dabei kann man zwischen der betriebsinternen Situation und den äußeren Rahmenbedingungen unterscheiden. Letztere sind insbesondere für den Geschäftsbereich Mechanik wichtig, da zwischen markengebundenen Werkstätten und Kleinstwerkstätten der Autoservicemarkt sehr eng besetzt ist.
Die Analyse der Ausgangssituation im Bezug auf Mechanik lässt sich in folgende Punkte unterteilen (Abb. 2):
1. Ausgangssituation des Unternehmens
Die eigene Ausgangssituation ist immer der erste Schritt für die Entscheidungsfindung. Dabei spielen folgende Faktoren eine Rolle:
Wie sind meine strukturellen Gegebenheiten?
Wie ist meine Kundenstruktur?
Wie viel Umsatz mache ich mit Autohäusern?
Habe ich die räumlichen Möglichkeiten, um Mechanik zu integrieren oder bin ich bereits jetzt schon an meinen Kapazitätsgrenzen? Wo könnte ich eventuell etwas anmieten oder ein neues Grundstück dazukaufen?
Welche Ziele habe ich für die nächsten fünf bis zehn Jahre?
2. Regionale Marktsituation
Neben der eigenen Ausgangssituation sind die regionalen Bedingungen sehr wichtig. Denn alleine mit vermittelten Schäden, unabhängig von welchem Mittler oder Großkunden sie stammen,, begibt sich der Unternehmer in Abhängigkeiten, die für die gesunde Aufstellung des Betriebes nicht vorteilhaft sind, Wenn dann noch Ausschließlichkeitsvereinbarungen hinzukommen, ist das regionale Potenzial umso wichtiger. Daher ist entscheidend zu beurteilen:
Wie groß ist eigentlich der regionale Markt? Also, wie viele Fahrzeuge gibt es in meinem Einzugsgebiet?
Wie hoch ist das Umsatzpotential?
Mit wie vielen Wettbewerbern konkurriere ich um diese Kunden? Der regionale Wettbewerb sollte auf Grund der engen Marktabdeckung intensiv beobachtet und beurteilt werden.
3. Personal
Einer der wichtigsten Punkte in der Entscheidung für oder gegen Mechanik sind die Fachkräfte. Gibt es bereits Mechaniker im Unternehmen oder einen Annahmemeister, oder müssen diese erst eingestellt werden? Die Affinität des Unternehmers spielt ebenfalls eine wichtige Rolle.
Sind die Daten zusammengetragen, muss die grundsätzliche Machbarkeit beurteilt werden. Empfehlenswert ist es, den Mechanik-Checker des BvdP als ersten Anhaltspunkt heranzuziehen.
Planen und entscheiden
Fällt die Beurteilung der Ausgangssituation positiv aus, will der Betriebsinhaber natürlich ausrechnen, was sich mit Mechanik verdienen lässt und wie viel investiert werden muss. Um eine Unternehmensplanung aufzustellen, kann der Betrieb eine Fülle von Vergleichsdaten heranziehen. Zum Beispiel gibt es Daten der Volks- und Raiffeisenbanken, der Sparkassen, der Verbände und Innungen.
Die bpr Mittelstandsberatung hat diese Zahlen übereinandergelegt, und es ist erstaunlicherweise aufgefallen, dass zwischen den einzelnen Werten wie z.B. dem durchschnittliche Umsatz pro Mitarbeiter oder dem Stundenverrechnungssatz, enorme Streubreiten existieren. Daher ist es wichtig sich vorab klar zu werden, wie die eigenen Rahmenbedingungen und dementsprechend die Ausgangssituation des Unternehmens (vgl. Abb. 1) ist. Nur so können Eckpfeiler gesetzt werden, die eine Kalkulation erst ermöglichen.
Betrachten wir zunächst das Investitionsvolumen an. Das liegt im Schnitt bei einer freien Werkstatt zwischen 80.000 und 100.000 € für die reine Grundausstattung (zwei Arbeitsplätze). Verschiedene Werkstattausrüster bieten auch Angebote für die Grundausstattung in Höhe von 65.000 € an, wobei dies sehr knapp bemessen ist.
Investitionsvolumen
Das Volumen kann individuell nach oben steigen, wenn beispielsweise die Halle vergrößert oder umgebaut werden muss. Ganz wichtig: Die Investitionen sind nicht aus dem laufenden Konto zu finanzieren, außer es ist so viel überschüssige Liquidität vorhanden.
Aber grundsätzlich gilt: Bei diesen Anschaffungen handelt es sich um langfristige Investitionen, die auch langfristig finanziert werden sollten. Neben Darlehen oder Leasingvarianten sollten auch Eigenmittel in Höhe von rund 20 Prozent eingebracht werden. Neben den Investitionen ist zu beachten, dass es einige Zeit dauern kann, bis das Geschäft Fahrt aufnimmt und kostendeckend gearbeitet werden kann. Diese Anfangsverluste sollten mitfinanziert werden.
Die Fremdmittelkosten können durch zinsgünstige öffentliche Darlehen z.B. von der KfW-Bank optimiert werden. Die Beurteilung und Beratung im Rahmen der Entscheidungsfindungen durch Experten kann mit einem nicht rückzahlbaren Zuschuss (z.T. bis zu 80 Prozent) bezuschusst werden. Ein Fördermittelcheck zu Beginn ist empfehlenswert.
Kommen wir zurück auf die beobachteten Streubreiten. Da wäre der durchschnittliche Stundenverrechnungssatz, der in den vorliegenden Vergleichszahlen eine ungewöhnlich hohe Streubreite aufweist. Ein hoher interner SVS kann über einen optimalen Kundenmix und eine gute Auftragslage erreicht werden.
Der Stundenverrechnungssatz hat natürlich regional sehr unterschiedliche Ausprägungen. Zu den regionalen Besonderheiten kommen noch Faktoren wie die bisherige Kundenstruktur und die Wettbewerbssituation. Für die Kalkulation sollte der Unternehmer auf die regional üblichen Stundenverrechnungssätze zurückgreifen.
Neben diesen ist auch die durchschnittliche Auslastung eine wichtige Kenngröße. In den betrachteten Vergleichswerten gab es auch bei dem Auslastungsgrad eine hohe Spannbreite. Der K+L-Betrieb sollte aufgrund von fehlenden Erfahrungen in den ersten Jahren für seine Berechnungen zunächst einen Auslastungsgrad von 70 Prozent annehmen. Dabei handelt es sich um einen unteren Wert, der Durchschnitt dürfte bei 85 bis 90 Prozent liegen.
Wie bereits beschrieben, kommt dem Thema Personal eine entscheidende Rolle zu. Zu Beginn muss, allein schon aufgrund von Urlaubs- und Krankheitstagen, mindestens mit zwei Mitarbeitern und einem Annahmemeister gerechnet werden. Der Annahmemeister wird zu Beginn nicht voll ausgelastet sein. Eventuell besteht für das Unternehmen dann die Möglichkeit, diesen auch anders einzusetzen. Auf Basis des eingesetzten Personals kann der Lohnumsatz errechnet werden. Zusätzlich muss der Ersatzteile- und Materialumsatz hinzugerechnet werden.
Bei einer durchschnittlichen Verkaufsmarge von Ersatzteilen in Höhe von 28 Prozent machen die Materialkosten 41,5 Prozent des Umsatzes aus. Die Marge von 28 Prozent war in allen Branchendaten vergleichsweise ähnlich. Bei Berücksichtigung der Abschreibungen und sonstigen Kosten ergibt sich eine Umsatzrendite von fünf bis sieben Prozent.
Zusammenfassung
Die Entscheidung für Mechanik ist also vor allem von der wirtschaftlichen Gesundheit des Unternehmens und der internen Ausgangssituation, den Markt- und Branchenbedingungen sowie der Fachkräftesituation abhängig.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass eine fundierte und seriöse Beurteilung der Thematik Mechanik immer nur individuell getroffen werden kann. Jedoch sollte jeder Betriebsinhaber vor dem Hintergrund der Wichtigkeit dieses Themas zumindest die Möglichkeiten prüfen oder prüfen lassen. Denn eins ist klar: Es handelt sich bei dem Geschäftsbereich Mechanik zwar um einen hart umkämpften Markt, jedoch gibt es immer noch viele Werkstätten, die genau mit Mechanik ihr Geld verdienen.