Es muss nicht der Bugatti sein

Das Geschäft mit Youngtimern boomt – eine Chance für Lackierer und Karosseriebauer

Golf I, Manta, 3er-BMW, Mercedes-Benz W107 – sie sind das, was der Markt als „Youngtimer“ bezeichnet: Alltagstaugliche, zwischen 20 und 30 Jahre alte Fahrzeuge in einem guten Zustand. „Und um sie herum entsteht gerade ein Markt, der aufgrund seines Wachstums interessant für den Karosserie- und Lackierbetrieb ist“, erklärt Sascha Petschke, Trainer Nexa Autocolor. Die neue Begeisterung für Manta, Ford Capri & Co. hat vor allem zwei Gründe: Die so genannten Youngtimer sind im Erwerb kostengünstiger als die „echten“ Oldtimer, d. h. Fahrzeuge mit einem Alter über 30 Jahre. „Darüber hinaus vermitteln Mercedes Strich-Acht und Opel Rekord ihren Besitzern häufig ein Gefühl von Individualität und Nostalgie“, so Sascha Petschke. „Denn meist erwerben hier Personen einen älteren Gebrauchtwagen, den sie aus ihrer Kindheit und Jugend kennen, und holen sich so ein Stück Lebensgefühl und persönliche Erinnerung ins Haus – ein ganz anderer Antrieb als bei Liebhabern echter Oldtimer.“

Und auch ein anderer Umgang mit dem automobilen Schatz: Hier ist der Wagen ein geliebtes Hobby, besitzt der Werkstattkunde häufig viel Fachwissen rund um seinen Youngtimer. Sachverhalte, die der Karosserie- und Lackierbetrieb kennen muss, um erfolgreich mit dieser Kundengruppe zu arbeiten. Wir sprachen mit Sascha Petschke über die Besonderheiten des Youngtimer-Geschäftes.
Herr Petschke, bei echten Oldtimern steht dem hohen Restaurierungsaufwand oft ein enormer Fahrzeugwert entgegen. Bei Youngtimern ist dieser Wert viel niedriger; der Wert des Fahrzeugs ist „nur“ ein persönlicher, nostalgischer. Ist es damit schwieriger, als Werkstatt vernünftige Preise durchzusetzen?
Dass die Restaurierungskosten den Fahrzeugwert schnell übersteigen, gilt für 80 Prozent aller Restaurierung, und oft ist der hohe Preis der Restaurierung das Ende eines Oldtimer- oder Youngtimer-Lebens. Speziell bei Youngtimern kommt es also sehr auf die Beratung der Kunden an. Die persönliche, nostalgische Bindung der Kunden an den Youngtimer ist einerseits eine Chance für die Werkstatt, auch betriebswirtschaftlich weniger sinnvolle Restaurierungen durchzuführen, wenn dem Kunden dies klargemacht wird. Umgekehrt wird anders als bei Oldtimer-Raritäten bei Youngtimern häufig auch nur eine Teilrestaurierung oder eine Reparatur zur Wert oder Funktionserhaltung verlangt oder durchgeführt. Auch diese Option sollte der Betrieb bei der Kundenberatung berücksichtigen.
Der Umgang mit Youngtimern ist für die Kunden vielfach eher gelebtes Hobby – sehen Sie auch Möglichkeiten, den Kunden noch stärker in die Reparatur einzubeziehen, z. B. mitarbeiten zu lassen?
Ja, oft sieht man Besitzer solcher Fahrzeuge selbst Hand anlegen in Hobbywerkstätten oder in Werkstätten von Clubs unter fachkundiger Anleitung. Trotzdem gibt es Arbeiten wie die Lackierung, an die sich der Hobby-Schrauber nicht traut. Für die Werkstatt würde ich in der Weitergabe von Expertenwissen daher auch eine Chance zur Kundenbindung sehen.
Thema Youngtimer und Elektronik – gibt es eine Grenze, bis zu der die Restaurierung von Youngtimern klassisches K + L-Geschäft ist? Und ab der Fahrzeugelektronik zu erneuern ist, was bei vielen Youngtimern mit Schwierigkeiten verbunden sein dürfte?
Nein, da sehe ich keine Grenze, der Fachbetrieb kann die Elektronik von Youngtimern mit seinem Fachpersonal ohne Probleme instandsetzen.
Welche Besonderheiten gibt es bei der Youngtimer-Teileversorgung?
Die Ersatzteileversorgung ist unproblematisch, die meisten Hersteller halten die Teileversorgung viele Jahre nach Produktionsende noch aufrecht. Der Gebrauchtteilmarkt im In- und Ausland ist fast unerschöpflich.
Gibt es trotzdem Modelle, von denen man besser die Finger lässt?
Man sollte sich gut informieren über die Fahrzeuge und Modelle, die man sich aussucht. Aber die Szene gibt bereitwillig Auskunft und Informationen darüber, welche Probleme es bei welchen Autos gibt.
Gibt es lacktechnische Besonderheiten von Autos der 70er- und 80er-Jahre, z.B. Farbtöne, die sich schwer reproduzieren lassen, oder Untergründe, die problematisch sind?
Jede Generation von Autos hat ihre lacktechnischen Besonderheiten, der Fachbetrieb kennt diese Besonderheiten und die Antworten um fachgerecht Reparaturen durchzuführen. Oft befinden sich aber undefinierbare Reparaturlackierungen auf einem alten Auto, weil alte Lackschichten entfernt und neue Lackaufbauten hergestellt wurden. Bei den Farbtönen sind die Youngtimer dagegen in der Regel unproblematisch; es gibt fast immer neu ausgearbeitete Töne auf der Basis neuer Lackiertechnologien.
Geht es den Besitzern immer ums Fahren, oder ist auch Restaurieren und „Konservieren“ gefragt, bis die Grenze zum Oldtimer erreicht ist, quasi als reine Geldanlage?
Der Wert eines Youngtimers steigt nicht schlagartig an, nur weil er auf einmal das Oldtimer-Alter erreicht hat. Damit ein Auto am Wert steigt, sollte es selten und die Nachfrage hoch sein. Der eine oder andere sieht vielleicht einen Oldtimer oder Youngtimer als Geldanlage, die Frage ist nur: Wird die nächste Generation auch von alten Autos so begeistert sein wie diejenige, die jetzt diesen Markt belebt? Nein; in aller Regel werden die Youngtimer auch gefahren.
Bei Oldtimern stellt sich immer stärker die Frage „Hochglanz oder Patina“? Wie fällt die Antwort bei den Youngtimern aus?
Der Wert eines Youngtimers ist, wie gesagt, eher ein subjektiver. Wenn daher ein Golf I oder Opel Kadett in der Werkstatt auf Hochglanz gebracht wird, wünschen Youngtimer-Besitzer oft nur eine Werterhaltungsreparatur, also die Instandsetzung größerer Schäden, nicht aber das Entfernen der Patina, die ihr Fahrzeug aufgrund seines Alters angesetzt hat. Mit anderen Worten: Kleine Roststellen oder Beulen sind hier oft erwünscht, denn sie transportieren die Erinnerung des Kunden an vergangene Zeiten. MR

Wissen aufbauen

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„Die sichere und qualitative Oldtimer- und Youngtimer-Lackierung“ nennt sich ein Seminar, das Lackhersteller Nexa Autocolor auch in diesem Jahr wieder anbietet. Es ist zweizügig aufgebaut: Einerseits vermitteln Trainer Sascha Petschke und seine Kollegen den Teilnehmern technische Kenntnisse zur optimalen und prozesssicheren Lackierung älterer und historischer Wagen. Daneben bietet das Seminar Einblicke in das Selbstverständnis und die Ansprüche und Bedürfnisse speziell der Kundengruppe Youngtimer-Besitzer.
Weitere Informationen: http://de.nexaautocolor.com/de/training/seminarangebot/