Wenn ein Rad ins andere greift …

Das Lackierzentrum Fürth verbindet handwerkliches Know-how und industrielle Prozesse

Michael Rehm

Spezialisten fürs Lackieren, Mitarbeiter, die nur vorbereiten oder Fachleute fürs Finish gibt es in vielen Lackierbetrieben. Dass aber ein Lackierer ausschließlich Klarlack spritzt und sein Kollege nur Basislack – und dabei seinen Lack von einem ebenfalls spezialisierten Coloristen spritzfertig vorgesetzt bekommt, dürfte eher die Ausnahme sein. Im Lackierzentrum Fürth gibt es all diese Spezialisten. Gemeinsam gelingt es ihnen, einen Ablauf darzustellen, der in puncto Effizienz und Transparenz einzigartig sein dürfte – und stark an industrielle Produktionsmethoden erinnert. Kein Zufall: „Bei der Planung des Betriebs in Fürth und damit der Definition der Prozesse kam uns natürlich unsere Erfahrung aus der Industrielackierung zugute“, erklärt Geschäftsführer Jürgen Kießling. Die von den Brüdern Stefan und Jürgen Kießling geleitete Unternehmensgruppe besteht aus acht Betrieben, die zum Großteil im Bereich Karosserie und Lack unterwegs sind, aber auch in der Industrielackierung fühlt sich die Kießling-Gruppe, häufig als Auftragnehmer der Automobilindustrie, zu Hause.

Wie auf Schienen

Bestes Beispiel für den industriellen Charakter der Prozesse im Lackierzentrum Fürth sind die beiden Lackierstraßen. Die Pkw-Lackierlinie beginnt mit einer Abklebezone. Auch hier sind Mitarbeiter am Werk, die sich ausschließlich auf diese Tätigkeit konzentrieren. Von der Abklebezone gelangen Fahrzeuge im Schienen-Querverschub zunächst in die Basislackkabine. An diese schließt sich hinter einem Rolltor eine Basislack-Ablüftzone an. Ist der Basislack trocken, werden Fahrzeuge wiederum durch ein Rolltor in die Klarlackkabine weitergeschoben, an die sich der Klarlack-Trockner anschließt. Ist der Klarlack schließlich ausgehärtet, werden die Fahrzeuge in eine Abkühlzone geschoben. Erst hier verlassen Fahrzeuge den Schienenstrang, um von den Finish-Spezialisten in Empfang genommen zu werden. In einer zweiten Lackierlinie sind zwei Kombikabinen und zwei Trockner in Längsrichtung aneinandergereiht. Lackiert werden hier, je nach Auftragslage Transporter, Einzelteile in Gruppen oder ebenfalls Pkw.

Gebündelte Farbtonkompetenz

Zwischen den beiden Lackierlinien befindet sich das Reich der beiden Coloristen, die sich ausschließlich dem Thema Farbton verschrieben haben. In zwei Mischräumen, einem für Spies
Hecker- und VW- sowie einem für Glasurit-Materialien, werden die Farbtöne ausgemischt, die zuvor in der Halle oder im Freigelände mit dem Farbtonmessgerät ermittelt wurden. Doch mit dem Mischen ist es nicht getan: Vom Ergebnis der Farbtonmessung, genauer gesagt, dem Vergleich des Messergebnisses mit Farbtondatenbanken und vom Lackhersteller oder selbst erstellten Mustern, hängt es ab, wie lackiert wird. „Als Coloristen haben wir eine Schnittstellenfunktion“, erklärt Harald Schmidt, einer der beiden Farbtonspezialisten. „Je nachdem, wie gut unserer Messung und unserer Erfahrung nach ein Farbton passt, legen wir auch den Reparaturumfang fest. Wir entscheiden, ob auf Stoß lackiert, eingeblendet, beilackiert oder im Extremfall eine ganze Seite beschichtet wird.

Die Information geben wir dann an die Vorbereiter und Abkleber weiter, sodass der Lackierer im Grunde nur noch den Becher auf die Pistole stecken muss.“

Noch nicht am Limit

Täglich können 40 bis 50 Fahrzeuge den Lackiertrakt durchlaufen. „Wo genau die obere Grenze liegt, können wir durch die zahlreichen Optionen, die uns unsere beiden Lackierstraßen bieten, gar nicht sagen“, stellt Jürgen Kießling fest, „aber eines ist klar: Am Limit sind wir noch nicht.“ Die Aussage lässt sich auf die gesamte, immer noch dynamisch wachsende Kießling-Gruppe übertragen. Nur ein starkes Jahr, nachdem das Lackierzentrum Fürth den Betrieb aufgenommen hat, hat das Unternehmen mit einem Karosserie- und Lackierzentrum in Abensberg bei Regensburg weiteren Zuwachs erhalten.


„Besser können wir den Ablauf nicht gestalten“

MR

Über die Planung und die Prozesse im Lackierzentrum Fürth sprachen wir mit Jürgen Kießling, einem der beiden Geschäftfsführer der Kießling-Gruppe, und Maximilian Heidingsfelder, technischer Geschäftsführer für alle Kießling-Betriebe und Betriebsleiter des neuen Karosserie- und Lackierzentrums in Abensberg.

Herr Kießling, Herr Heidingsfelder, die Prozesse im Lackierzentrum Fürth weichen von dem, was man üblicherweise in Betrieben selbst dieser Größenordnung kennt, doch ein
wenig ab. Wie erfolgte die Planung? Wie sind Sie auf die schließlich realisierte Lösung gekommen?

Zum einen haben wir uns sehr viele Kollegenbetriebe angeschaut, zum anderen ist das Lackierzentrum Fürth eine Art „Best of“ der bestehenden Kießling-Betriebe. Vieles von dem, was wir hier umgesetzt haben, praktizieren wir auch an anderen Standorten so. Anders ist bei diesem Neubauprojekt, dass wir die Technik – von der Annahme über die Lackierstraßen bis zum Finish – ganz konsequent den Prozessen angepasst haben, die wir für die idealen halten.

Was in Ihrem Unternehmen auffällt, ist ein sehr starker Informationsfluss – und vor allem eine sehr deutliche Visualisierung aller Informationen rund um die Reparaturprozesse. Von der Magnettafel, die Auskunft darüber gibt, wer in welcher Abteilung tätig ist, bis zu den auf die Fahrzeugscheibe geschrieben Informationen zum Fertigstellungsdatum.

Das ist eine der Herausforderungen bei unserer Größe und wenn man so arbeitsteilig organisiert ist wie wir. Wir sind der Überzeugung, dass wir am besten fahren, wenn wir für möglichst viele Prozessschritte echte Spezialisten haben. Das führt aber natürlich dazu, dass wir viele „Schnittstellen“ haben. Der Abkleber muss wissen, wie umfangreich lackiert wird, und er muss den Auftrag auch entsprechend seiner Dringlichkeit in die Lackierstraße einschleusen. Dazu braucht er Informationen, möglichst einfach, möglichst unmissverständlich. Und da haben wir ganz gute Wege gefunden.

Sie sprachen die starke Spezialisierung an – welche Vorteile bietet die?

Bei unserem Reparaturvolumen bringt eine starke Spezialisierung erhebliche Zeit- und
Effizienzvorteile. Außerdem ist es innerhalb der Gruppe von Vorteil, wenn man Mitarbeiter flexibel einsetzen kann. Ein Vorbereiter in Fürth arbeitet nicht anders als ein Vorbereiter in Donauwörth. Nicht zuletzt haben unterschiedliche Mitarbeiter unterschiedliche Vorlieben und Talente. Der eine bereitet lieber vor, der andere lackiert lieber – oder besser. Bei der Gelegenheit möchte ich aber betonen, dass wir ausschließlich ausgebildete Facharbeiter beschäftigen und jeder auf seiner Position zum Gelingen des Prozesses beiträgt.

Technisches Herzstück Ihres Betriebs
ist zweifellos die Lackierstraße. Durchlaufen auch kleine Schäden die Anlage, oder werden sie im Vorbereitungsbereich instandgesetzt?

Sie könnten, aber die Kapazität der Lackierstraßen hat sich als so hoch erwiesen, dass wir in der Tat am schnellsten sind, wenn wir hier so gut wie alles durchlaufen lassen.

Ihre Kapazität scheint unbegrenzt,
wie garantieren Sie denn einen entsprechenden Nachschub an Aufträgen?

Wir haben hier einen sehr gesunden Auftragsmix. Für eine gewisse Grundauslastung sorgen partnerschaftliche Kooperationen mit regionalen Autohausgruppen. Dazu kommen private Auftraggeber und in gewissem Umfang auch gesteuerte Schäden. Da reißt der Nachschub nicht ab.

Jürgen Kießling: „Wir haben hier die Technik – von der Annahme über die Lackierstraßen bis zum Finish – ganz konsequent den Prozessen angepasst, die wir für die idealen halten.“Foto: M. Rehm
Maximilian Heidingsfelder: „Wir sind der Überzeugung, dass wir am besten fahren, wenn wir für möglichst viele Prozessschritte echte Spezialisten haben.“Foto: M. Rehm
Bei Kießling setzt man auch auf räumlich getrennte Arbeitsbereiche für die einzelnen Tätigkeiten.Fotos: M. Rehm

Die Lackiertechnik in Zahlen

Beim Lackierzentrum wurde die Planung der Logistik und des Anlagenkonzeptes gemeinsam von Kießling und WOLF durchgeführt. WOLF wurde für diesen Standort mit der Lieferung von 5 Lackierkabinen, 5 Trocknern, 17 belüfteten Vorbereitungsplätzen und 23 Hebebühnen beauftragt. Der Lieferumfang und die Technik von WOLF im Einzelnen:

Vorbereitungsbereich

  • 17 belüftete Plätze mit Bodenabsaugung
  • Luftleistung: Zwei Lackieranlagen-Aggregate mit je 33.000 m³/h
  • Vario-Wärmerückgewinnung
  • 14 Hebebühnen

Der Vorbereitungsbereich ist zusätzlich mit einer Füller-Lackierkabine mit einem seitlich angeordneten Trockner ausgestattet. Die Fahrzeuge werden hier auf Querverschiebewagen in den Trockner transportiert.

Lackieranlagen-Block 1

In dieser Lackierlinie werden die Fahrzeuge auf Querverschiebewagen von einem Prozessschritt zum nächsten transportiert.

Basislackkabine:

  • Luftleistung: 33.000 m³/h
  • Vario-Wärmerückgewinnung
  • Beleuchtung: LED
  • Hebebühne: 3,0 to

Ablüftzone-Basislack:

  • Luftleistung: 12.000 m³/h
  • Wärmerückgewinnung: ja
  • Anzahl Pkw-Stellplätze: 3

Klarlackkabine:

  • Luftleistung: 33.000 m³/h
  • Vario-Wärmerückgewinnung
  • Beleuchtung: LED
  • Hebebühne: 3,0 to

Klarlack-Trockner:

  • Luftleistung: 25.000 m³/h
  • Wärmerückgewinnung: ja
  • Anzahl Pkw-Stellplätze: 3

Lackieranlagen-Block 2

In dieser Lackierlinie sind parallel je eine Lackierkabine und ein Trockner in Längsrichtung angeordnet.

Kabinen 1 und 2

  • Luftleistung: 33.000 m³/h
  • Vario-Wärmerückgewinnung
  • Beleuchtung: LED
  • Hebebühne: 3,0 to (Kabine 2)
  • Multi-Air-System: Düsensystem zum beschleunigten Ablüften

Trockner 1 und 2

  • Luftleistung: 19.000 m³/h
  • Wärmerückgewinnung: ja
In der 1.700 Quadratmeter großen Lackiervorbereitung befinden sich 30 Arbeitsplätze. Alle können mit einem deckenschienengeführten IR-System erreicht werden und jeder zweite Platz ist mit einer Hebebühne ausgestattet.Foto: WOLF