Über den Wolken …

… muss die Lackierung von Flugzeugen höchste technische Anforderungen erfüllen.

Evelyn Becker

An diese Maße muss man sich erst mal gewöhnen. 17 Meter in der Länge misst alleine der Rumpf des neuen Pilatus-Businessjets PC-24. Den anzuschleifen kann eigentlich keinen Spaß machen. Die beiden Flugzeuglackiererinnen, die in der riesigen Vorbereitungshalle des neuen Oberflächenzentrums genau damit beschäftigt sind, vermitteln jedoch einen ganz anderen Eindruck. „Die Arbeit an den Flugzeugen hat eine besondere Anziehungskraft auf die Mitarbeiter im Oberflächenzentrum“, erklärt Pius Zihlmann, Abteilungsleiter Oberflächentechnik der Pilatus Flugzeugwerke AG im schweizerischen Stans. „In unserem Oberflächenzentrum arbeiten einige gelernte Fahrzeuglackiererinnen und -lackierer. Und die sagen, die Qualität unserer Lackierungen sei sogar besser als bei Autos.“

Besser als bei Autos

Erstaunlich eigentlich – Flugzeuge sieht man doch zumeist aus einiger Entfernung. Für die Jets, die bei Pilatus lackiert werden, gilt dies aber nicht, wie Pius Zihlmann erklärt: „Die Businessjets, die wir herstellen, werden durchaus aus Augenhöhe betrachtet, sie sind ja auch ohne Leiter zu erreichen. Auch kleinste Fehler in der Lackierung fallen sofort ins Auge. Und Kunden, die mehrere Millionen Euro für ein Flugzeug ausgeben, haben natürlich Anspruch auf ein perfektes und hochwertiges Erscheinungsbild.“
Die Ansprüche an das Design haben sich in den letzten Jahren sehr gewandelt: „Früher wurden Flugzeuge eher schlicht und einfach gestaltet, heute sind die Wünsche der Kunden ausgefallener. Aufwendige Designs und Effektlacke werden immer häufiger gefragt“, so Zihlmann. Ob dreischichtige Perleffekt-Lackierungen oder spiegelglatte Oberfllächen mit Klarlack-Zwischenschliff – der Gestaltungsvielfalt sind keine Grenzen gesetzt. Sogar Berühmtheiten haben sich schon auf den Kleinflugzeugen verewigt: Der Luzerner Künstler Hans Erni kreierte anlässlich des 75. Geburtstages von Pilatus eine PC-12 im Design seiner berühmten Pferde- und Friedenstaubenzeichnungen. Jedoch gibt es zum Teil rechtliche Einschränkungen, wenn bestimmte Designs geschützt sind. Pius Zihlmann: „Ein Kunde wollte gerne eine Lackierung im Design der Royal Air-Force. Das geht natürlich nicht, und das müssen wir den Kunden manchmal erklären.“

Hohe Expertise

Die Gestaltungsideen kommen mal von den Pilatus-Designern, mal von den Kunden. Oft geht es bei Businessjets auch „nur“ darum, das jeweilige Firmendesign und die Firmenfarben am Flugzeug wirkungsvoll umzusetzen. „Nicht jede Gestaltungsidee der Kunden lässt sich so einfach realisieren“, erklärt Pius Zihlmann. Denn so manche Gestaltung kann zu enorm hohen Kosten führen, gerade wenn sich Designelemente über mehrere Bauteile erstrecken. „In solchen Fällen ist die Expertise unserer Mitarbeiter im Designstudio umso mehr gefragt. Sie entwickeln gemeinsam mit dem Kunden ein individuelles Farbschema.“ Für eine erste Auswahl können Kunden aber auch den Katalog durchblättern und sich inspirieren lassen. Pilatus präsentiert seine Flugzeuge zudem auch auf Messen, bei welchen anhand von sogenannten „Demonstratoren“ dem Kunden mögliche Designs vorgeführt werden.

Extreme Bedingungen

Mindestens ebenso wichtig wie die optischen Ansprüche sind die technischen Anforderungen an die Beschichtung. Hohe Temperatur- und Druckschwankungen erfordern, dass die Beschichtung sehr flexibel ist. Als Grundierung setzt Pilatus daher auf Epoxidharzlacke, für die Endlackierung werden ausschließlich PU-Lacke genutzt. Je nach Flughöhe wirken auch hohe UV-Strahlungen auf den Lack ein. UV-Inhibitoren in der Klarlackschicht sind daher unverzichtbar.

Die größte Herausforderung bei Flugzeugstrukturen in der Luftfahrt ist der Schutz der aluminiumlegierten Bauteilen vor Korrosion. Um den zu gewährleisten, wird in der Luftfahrt noch mit Chrom-6-haltigen Strukturprimern gearbeitet. „Im allgemeinen ist die Oberflächentechnik hier sehr viel konservativer als im Fahrzeugbereich. Die Innovation in der Luftfahrt hat hier auch Grenzen“, bemerkt Zihlmann, „Es gibt zwar Trends zu wasserbasierten Lacken, diese bringen jedoch nicht die entsprechenden Voraussetzungen für Flugzeuge mit sich. Was sich bei uns durchgesetzt hat, sind lösemittelreduzierte High-Solid-Lacke.“ Grund für dieses konservative Verhalten ist, dass der Luftfahrtbereich hoch reglementiert ist und die Zertifizierung und Qualifikation von neuen Produkten oder Prozessstrukturen bis zu fünf Jahre dauert.

Durchstarten und Abheben

Die Arbeit im Bereich Oberflächentechnik setzt unterschiedliche Fertigkeiten voraus. „Für die anspruchsvollen Lackierarbeiten direkt am Flugzeug setzen wir bevorzugt Fahrzeuglackierer, mit gewissen Einschränkungen aber auch Industrielackierer ein“, so Zihlmann, „Für manche Aufgaben sind auch Baumaler mit Erfahrung in der Spritzlackierung gefragt.“ Damit man bei Pilatus auch künftig die Flughöhe hält, spielt der eigene Nachwuchs eine große Rolle: Pro Jahr haben alleine im Oberflächenzentrum drei Auszubildende die Möglichkeit durchzustarten.


Made in Switzerland

Die 1939 gegründete Pilatus Flugzeugwerke AG ist die einzige Schweizer Firma, welche Flugzeuge entwickelt, baut und auf allen Kontinenten verkauft: vom legendären Pilatus Porter PC-6 über den PC-12, das meistverkaufte einmotorige Turbopropflugzeug dieser Klasse, bis hin zum PC-21, dem Trainingssystem der Zukunft. Die neuste Entwicklung ist der PC-24 – der weltweit erste Businessjet, der auf kurzen Naturpisten operieren kann. Mit über 2000 Mitarbeitenden am Hauptsitz ist Pilatus einer der grössten Arbeitgeber in der Zentralschweiz. Pilatus bildet rund 120 Lernende in 13 verschiedenen Lehrberufen aus – die Förderung von jungen Berufsleuten hat bei Pilatus einen hohen Stellenwert.

Neues Oberflächenzentrum

Innerhalb von zwei Jahren wurde das neue Oberflächenzentrum in Stans errichtet, in dessen hellen, großen Räumen nun die gesamte Oberflächenbehandlung stattfindet. Das Gebäude beinhaltet über drei Stockwerke insgesamt acht Kombi-Lackierkabinen, drei Lackieranlagen mit Trocknungsofen und eine unterteilbare Lackierkabine sowie mehrere Büroräume. Dank der neuen Räumlichkeiten sind die Produktionsprozesse nun auf den neuesten Standard ausgelegt.

Die Pilatus Flugzeugwerke liegen inmitten einer malerischen Landschaft
Foto: Pilatus Flugzeugwerke AG