Praxis ist Trumpf

Dekra-Gutachter tauchen während ihrer Ausbildung tief in die Lackierpraxis ein

Michael Rehm

Dass bei Schadensgutachten das Thema Lack immer mitschwingt, liegt in der Natur der Sache – die äußerste Hülle des Fahrzeugs ist eben immer betroffen. Erstaunlich eigentlich, dass unter den Gutachtern der großen Sachverständigenorganisationen nur sehr wenige einen Lackierer-Hintergrund haben. Bei Dekra will man hierfür einen Ausgleich schaffen und setzt bei der Ausbildung der Gutachter auf praktische Lackier-Erfahrung. Ideale Voraussetzungen hierfür bietet das neue Schulungszentrum BIZ in Altensteig, wo 180 Absolventen pro Jahr nicht nur in mechanische und karosserietechnische Themen einsteigen, sondern auch spachteln, schleifen und lackieren. In kleinen Gruppen zu höchstens zehn Personen werden die angehenden Gutachter mit dem Thema vertraut gemacht. Dabei sind die praktischen Vorkenntnisse recht unterschiedlich, erklärt Jürgen Hennefarth, der für die lackiertechnischen Schulungen verantwortlich ist. „Zu uns kommen zu etwa 70 Prozent Ingenieure und zu 30 Prozent Handwerksmeister, entweder Karosseriebauer, die natürlich schon Vorkenntnisse haben, aber auch Mechatroniker, die noch nie eine Pistole in der Hand hatten.“ Etwas ausgeglichen wird dies dadurch, dass die Dekra-Ausbildung praktische Elemente immer mit E-Learning kombiniert. Die in der Regel drei Lackier-Praxistage in Altensteig werden am heimischen Computer intensiv vor- und nachbereitet.

Die Lehrwerkstatt ist technisch auf der Höhe der Zeit. So wurde nicht nur in eine Hightech-Kabine und einen komplett ausgestatteten Vorbereitungsbereich, sondern auch in einen großzügigen Mischraum investiert, in dem das zentrale Thema Farbton anschaulich vermittelt werden kann. „Unser Ziel kann es natürlich nicht sein, dass unsere Gutachter nach den Praxistagen ein Fahrzeug lackieren können!“, erklärt Jürgen Hennefarth, „aber sie sollen einen wirklich detaillierten Einblick in die entscheidenden Arbeitsschritte bekommen und aus ihrer praktischen Erfahrung heraus wissen, wo bei Schadensgutachten Probleme auftauchen können.“

Was ist möglich und was nicht

„Beim Thema Lack zeigt sich die Grundaufgabe des Gutachters sehr deutlich“, betont Fritz Mast, Standortleiter am BIZ Altensteig, „und die liegt darin, die so- genannte sach- und fachgerechte Reparatur vorzugeben und gleichzeitig der Schadenminderungspflicht zu genügen.“ Wenig überraschend, spielt daher die Frage „Beilackieren oder nicht?“ eine große Rolle. „Wir wissen natürlich, dass sich diese Frage manchmal erst während der Reparatur beantwortet, aber auch wir haben unsere Erfahrungen und wissen, was an welchen Stellen bei welchen Farbtönen möglich ist und was nicht“, weiß Fritz Mast. „Außerdem spielt es schon eine Rolle, ob ein Haftpflicht- oder ein Kaskoschaden vorliegt. Pauschal großzügig zu sein, kann man sich bei diesem Thema nicht leisten, zumal die Lacklöhne speziell in Großstädten ja durch die Decke gehen und zum Teil über 200 Euro liegen …“ Nicht immer einfach zu beantworten ist auch die Frage „Reparieren oder ersetzen?“ Ob ein Neuteil die beste Lösung ist, oder eine Reparatur sinnvoller ist, darüber lässt sich trefflich streiten. „Wichtig ist, dass es bei solchen Fragen kein Schwarz oder Weiß gibt“, ist Fritz Mast sicher, „sondern man muss kommunizieren. Die meisten unserer Leute gehen in den Lackierereien ja ein und aus.“

Wachsender Bedarf

Die Zahl der Kursteilnehmer im BIZ
Altensteig steigt stetig an – und das nicht nur, weil Dekra die praktische Gutachterausbildung am neuen Standort konzentriert. Der Bedarf nach Gutachten steigt generell. „Auch wenn uns seit Jahren oder gar Jahrzehnten prophezeit wird, dass Gutachten unter anderem durch die Schadensteuerung weniger werden sollen, spüren wir davon nichts“, meint Martin Lutz, Ausbildungsleiter am BIZ Altensteig. Im Gegenteil, während vor fünf Jahren insgesamt rund 220 Millionen Gutachten pro Jahr erstellt wurden, waren es im vergangenen Jahr 280 Millionen.

Ein Grund hierfür ist, dass mit der Bewertung von Leasingfahrzeugen vor der Rückgabe ein großer Wachstumsmarkt dazugekommen ist. Einen weiteren können die Dekra-Spezialisten zwar nicht schwarz auf weiß belegen, aber durchaus spüren: „Mein Eindruck ist, dass trotz der Schadensteuerung, vielleicht auch gerade wegen mancher Randerscheinungen der Schadensteuerung, wieder verstärkt der Sachverständige eingeschaltet wird. Im Zweifel hat man`s einfacher und spart sich Ärger.“