Hypercars mit Hyperlackierung

Bei der Sportwagenmanufaktur Koenigsegg legt man allergrößten Wert auf die Oberfläche

Candy-Purple soll der Wagen einmal werden, dessen Karosserie in Einzelteilen gerade in der Lackierhalle steht. Goldene Streifen werden sich über Motorhaube und Kotflügel ziehen, und auch der Bereich rund um die Lufteinlässe auf der Motorhaube soll später einmal golden schimmern – dezent ist anders. Aber bei einem Auto, dessen Basisversion rund eine Million Dollar kostet, auf Understatement zu machen, ist auch nicht so einfach. Wir sind bei Koenigs-egg im südschwedischen Ängelholm. Hier werden keine Supercars gebaut, sondern Hypercars, rund 15 nur pro Jahr. Aktuelles Modell ist der Koenigsegg Agera. Die Fahrdaten dieses Wagens rekordverdächtig zu nennen, wäre untertrieben. Man hält ganz offiziell diverse Guinness-Buch-Rekorde. Zum Beispiel den „0-300-0-Rekord“. Was das bedeutet? Die Beschleunigung von Null auf 300 Stundenkilometer (14,53 Sekunden) inklusive Verzögerung von Tempo 300 zurück auf Null (6,66 Sekunden). Ab Tempo 350 ist der Agera elektronisch abgeregelt. Theoretisch wären aber über 430 km/h drin. Da ist es praktisch, dass der Standort des Unternehmens auf einem ehemaligen Militärflugplatz liegt – einerseits, weil es genügend Platz gibt, um die Fahrzeuge vor der Auslieferung einem intensiven Fahrtest zu unterziehen, andererseits, weil nicht wenige Kunden auf diese Art bequem mit dem Privatflieger anreisen, sich von den Fortschritten beim Bau ein Bild machen oder sich das fertige Fahrzeug gleich einladen können.

„It´s quality that counts“, lautet eine der Maximen in der Hypercar-Manufaktur. Die Ansprüche an alle Komponenten, an Motor, Karosserie und Ausstattung sind mehr als außergewöhnlich. Die Lackierung macht da keine Ausnahme. Von der klassischen Fahrzeugserienlackierung weicht sie erheblich ab, was zum Teil daran liegt, dass die Karosserie zu nahezu 100 Prozent aus Carbonfaser-Werkstoff besteht. Der wird zunächst angeschliffen, um Trennmittelrückstände sicher zu entfernen. Anschließend werden die Teile mit Klarlack beschichtet, um eventuelle Lunkerstellen aufzufüllen. Nach einem weiteren Schleifvorgang ist die Oberfläche fertig zum eigentlichen Lackieren.
Standard nimmt niemand
Die farbliche Gestaltung ist ein wichtiger Teil des Koenigsegg-Gesamtkunstwerks. „Wir haben zwar etwa zehn Standardfarbtöne“, meint Lackierer Mikael Ljungdahl, „aber die nimmt eigentlich niemand.“ Normalerweise wird mit dem Kunden – oder seinem Berater – ein individuelles Farbkonzept für Lack und Polster abgestimmt. Es kann aber auch sein, das ein Kunde schon eine ganz bestimmte Vorstellung von der künftigen Wagenfarbe hat. So hatte auch schon einmal ein Kunde auf dem Genfer Autosalon einen blauen Wildlederschuh als Farbmuster abgegeben – nicht fürs Polster, sondern für den Lack. Der war anschließend matt-blau. „Die Mattlackierung ist momentan in diesem Fahrzeugsegment ein Megatrend“, weiß Ljungberg, „aber auch eingefärbte Klarlacke werden sehr gerne gewählt.“ Diese haben den Vorteil, die Carbonstruktur der Karosserieteile effektvoll in Szene zu setzen.
Beim Lackaufbau gibt es bei Koenigsegg keine Kompromisse. Bestes Beispiel ist der eingangs beschriebene Koenigsegg Agera in candy purple. „Bei diesem Fahrzeug wird zunächst silbrig vorlackiert“, erklärt Ljungdahls Kollege Jerry Ahlquist. „Darauf wird eine Schicht Klarlack aufgetragen, die, sobald sie ausgetrocknet ist, spiegelglatt zwischengeschliffen wird.“ Es folgen mehrere dünne Schichten Candy-Lasur und eine – vorerst – letzte Schicht Klarlack, die wiederum zwischengeschliffen wird. Dann werden die goldfarbenen Zierlinien aufgetragen. Um sich das Ok des künftigen Besitzers für den Gold-Ton zu holen, wurden diverse Musterbleche um den halben Globus geschickt. Da die Zierlinien nachher erhaben sind, werden sie wiederum in vier bis fünf Schichten Klarlack eingebettet. Doch damit nicht genug. Jeder Wagen wandert anschließend in die Finish-Abteilung, wo er poliert wird – rund hundert Arbeitsstunden lang.
Keine Kompromisse
Wo derart ausdauernd und mit so hohem Anspruch geschliffen, mattiert und poliert wird, sind die Ansprüche an das Werkzeug besonders hoch. „Wenn du 100 Stunden polierst, merkst du sehr genau, wie gut dein Werkzeug ist“, meint Jerry Ahquist.
Bei Koenigsegg setzt man dabei ausschließlich auf Festool-Ausrüstung. So war das Unternehmen einer der ersten Testkunden des neuen LEX-Exzenterschleifers. „Das leichte Gehäuse sorgt in Verbindung mit dem leichten Schlauch für ermüdungsfreies Schleifen“, erklärt Mikael Ljungdahl. „Außerdem ist die Vibration der Geräte so gering, dass viele Teile, die früher von Hand geschliffen wurden, nun maschinell mit der kleinen Gerätevariante bearbeitet werden können.“ Auch beim Finish sieht der Lackierer Vorteile: „Wir wollen perfekte Oberflächen liefern, und dazu brauchen wir ein schnelles, effizientes und standardisiertes Verfahren, leistungsfähige Maschinen und möglichst wenige Produkte.“
Wenn die Fahrzeuge die Finish-Abteilung verlassen haben, werden sie auf dem Flughafenkurs ausgiebig probegefahren . „Manchmal ist dann noch etwas Feintuning am Motor oder Fahrwerk nötig“, erklärt Benny Olsson, Manager Arbeitsvorbereitung. Das letzte Feintuning für die Oberfläche darf danach nicht fehlen. „Nach dem Einfahren werden die Wagen noch einmal übergabefertig aufpoliert – nicht lange, nur ein paar Stunden.“ MR