Viel mehr als nur Dekor

In den Diamant-Fahrradwerken werden Bikes für den europäischen Markt lackiert

Wer sich hierzulande einmal anschauen will, wie Fahrräder beschichtet werden, muss eine ganze Weile suchen, denn egal, ob günstig oder exklusiv – das Gros der in Deutschland verkauften Fahrräder, genauer gesagt, der Fahrradrahmen, wird in Fernost gefertigt und in der Regel auch lackiert. Doch es gibt Ausnahmen – zum Beispiel die Diamant-Fahrradwerke in Hartmannsdorf bei Chemnitz. Ob Rennrad oder Cityrad, Lifestyle- oder Mountainbike – im Diamantwerk, das 1885 in Chemnitz gegründet wurde und zu Beginn der 90er- Jahre an die Peripherie übergesiedelt ist, werden die Rahmen der für den europäischen Markt vorgesehenen Räder von Diamant und der Muttermarke Trek beschichtet. Und nicht nur die Rahmen – zahlreiche Anbauteile, vom Schutzblech bis zum Kettenschutz, durchlaufen ebenfalls die 42 Mitarbeiter zählende Lackierabteilung.

Entsprechend vielfältig sind die Beschichtungsvarianten. Ähnlich wie
Autolackierungen sind auch Fahrradfarben Trends unterworfen, und jährlich werden Farbkollektionen für die einzelnen Segmente entwickelt. Im Büro von Frank Götz, der als „Head of Paint“ für die Lackierabteilung verantwortlich ist, sind bereits die die Farbmuster für die Saison 2019 aufgereiht. „Natürlich gibt es ein paar klassische Farben, die immer wieder verwendet werden“, erklärt Frank Götz, „aber die meisten Farben speziell im Lifestyle-Bereich wechseln sehr schnell.“ Während hier in den letzten Jahren verstärkt „urbane“ Töne wie Beige, zurückhaltendes Blau oder Grau gefragt waren, geht der Trend jetzt wieder hin zu bunteren Farben – und von Metallics, die in den letzten Jahren ihren Anteil stetig erhöht haben, geht der Trend wieder in Richtung von Uni.

Spezielle E-Bike-Lackierung

Ein Megatrend ist natürlich der zum E-Bike – rund 70 Prozent der im Hartmannsdorfer Werk montierten Räder sind mit einem Akku ausgestattet. Und das hat auch auf die Lackierung Auswirkungen. „Durch die höheren Gewichte und Geschwindigkeiten gelten zum Teil andere Toleranzen“, erklärt Frank Götz. „Es gibt zum Beispiel elektronische Bauteile, die mit Null-Toleranz am Rahmen haften müssen. Bei lackierten Teilen kann man das nicht immer garantieren, wenn Metall auf Metall trifft, dagegen schon. Für uns hat das die Konsequenz, dass wir mehr schablonieren müssen, damit metallische Kontaktflächen frei bleiben.“ Auch die höheren Drehmomente haben Einfluss auf die Lackierung. Frank Götz: „Wenn ich lackierte Teile statt mit sechs mit zehn Newtonmetern Drehmoment verbinden muss, dann ist an den Kontaktstellen eine relativ dicke und weiche Pulverlackierung problematisch. Ich muss also nass lackieren oder die betreffenden Stellen frei lassen.“ Während die technische Seite der E-Bike-Lackierung strengeren Reglementierungen unterliegt, eröffnen sich gestalterisch ganz neue Möglichkeiten. „Offene Profile und extrem breite Rahmen bieten viel mehr Fläche für Lackdesigns“, weiß Frank Götz, „außerdem stehen unsere Designer plötzlich vor der spannenden Aufgabe, für Teile wie Akkuabdeckungen interessante Lösungen zu finden.“

Glänzend oder matt

Alle Rahmen durchlaufen zuächst eine Nasslackierstraße, deren Zentrum eine Kabine mit Hochrotationsscheibe bildet, wo das Lackmaterial elektrostatisch auf die Rahmen übertragen wird. An die Kabine schließt sich ein Spritzstand an. Hier werden die Rahmen manuell mit der Hochleistungs-Lackierpistole überarbeitet. Die weitere Beschichtung kann auf zweierlei Wegen erfolgen: Rahmen, bei denen das Dekor nachher unter dem Klarlack liegt, werden erst mit Dekors versehen. Bei Designs mit sogenanntem „topographischem“ Dekor wird erst der Klarlack aufgetragen. Ob die Dekors über oder unter dem Klarlack liegen, ist übrigens keine Frage der Qualität. „Die Dekors werden bei uns mit deutlich über 150 °C eingebrannt“, erklärt Frank Götz, „und sind damit genauso kratzfest wie der Klarlack.“ Auch beim Klarlack gibt es zwei Optionen: Die rund 40 Prozent in glänzender Optik ausgelieferten Rahmen durchlaufen eine Acrylharz-Pulverlackanlage. Matte Klarlacke werden dagegen nass aufgetragen.

Etwa 350 Räder können pro Tag lackiert werden. Stolz ist Frank Götz auf eine „Reklamationsquote“, von der Automobilhersteller nur träumen können: Nur bei einem von tausend Rahmen, die die Lackierabteilung verlassen haben, wird vor der weiteren Produktion ein Mangel am Lack festgestellt. Was dann passiert? „Ganz einfach“, erklärt Frank Götz, „der Rahmen wird wieder an die Kette gehängt und darf noch einmal eine Ehrenrunde durch die Lackieranlage drehen.“  MR