Ruhige Hand gefragt

Ekrem Pala ist als Linierer einer der Letzten seiner Zunft

„Es ist nicht die Hand, es ist der Geist, der völlig ruhig sein muss.“ Der solche Sätze sagt, heißt Ekrem Pala und übt einen Beruf aus, den es eigentlich gar nicht mehr gibt: Pala ist Handlinierer. Wenn er Tanks oder andere Teile klassischer Motorräder mit filigranen Zierlinien versieht, geht es aber alles andere als weihevoll zu. Im Gegenteil: Pala fragt zuerst, wie er sich platzieren soll, damit der Fotograf den besten Winkel hat, er beantwortet nebenbei Fragen, erzählt Geschichten über seine Arbeit und seine Kunden, lacht zwischendurch lebhaft. Was dabei ruhig bleibt, und zwar völlig ruhig, ist seine Hand, die den Pinsel führt. Die ruhige Hand brachte ihn vor vielen Jahren ins BMW-Werk Berlin, wo ein Handlinierer in der Motorrad-Lackiererei gesucht wurde. „Ausgeschrieben war die Stelle aber für einen Airbrusher“, erinnert sich der gelernte Schriftenmaler und Werbetechniker, „wahrscheinlich, weil man denen unterstellt, sie hätten eine besonders ruhige Hand – und weil sich unter einem Handlinierer sowieso niemand etwas hätte vorstellen können.“ Beim Bewerbungsgespräch wurde er dann gefragt, ob er schon einmal liniert hätte. Noch nie, lautete die ehrliche Antwort. Allerdings war das bei seinen rund 30 Mitbewerbern um den Job genauso. Alle mussten sich also einem Eignungstest unterziehen, der darin bestand, vor den Augen der zehn Handliniererinnen, die damals im Spandauer Motorradwerk beschäftigt waren, eine Linie auf einem Tank zu ziehen. Ekrem Pala bescheinigten die Expertinnen das größte Talent, sprich: die ruhigste Hand, und ab da erlernte er das Linierer-Handwerk – als einziger Mann in einem zehnköpfigen Damenteam. 1997 war das, und Arbeit für Handlinierer gab es damals noch reichlich. „Am Anfang hatte das richtigen Fließband-Charakter“, erzählt Pala. „40 Tanks an einem Tag zu linieren war keine Seltenheit.“ Doch mit den Jahren zeichnete sich ab, dass die Arbeit in der Linierabteilung abnehmen und eines Tages ganz ausgehen würde. „Das Design der Motorräder änderte sich“ erinnert sich Ekrem Pala, „für Handlinierungen ab Werk war da kein Platz mehr“. Je weniger neue Motorräder mit Zierlinien versehen wurden, desto mehr Anfragen von Besitzern alter Motorräder landeten bei Pala. Nach Feierabend linierte er Motorradteile für Privatleute, nebenher eignete er sich Lackierfertigkeiten an, um bei Bedarf auch umfangreichere Lackierarbeiten übernehmen oder Klarlack auftragen zu können. Letzteres geschieht, nebenbei bemerkt, nur, wenn ein Kunde es partout verlangt. „Der Reiz bei einer von Hand gezogenen Linie besteht gerade darin, dass man die feine Pinselstrich-Struktur erkennt und fühlt“, erklärt der 36-Jährige. „Die dann mit Klarlack zu überdecken, ist ziemlich absurd.“ 2008 kündigte Pala seinen Job bei BMW und machte sich selbstständig. Erst in Berlin, dann in Mainz, heute lebt und arbeitet er im pfälzischen Göllheim.
Werkstatt als Pilgerstätte
Der Standort spielt für Palas Gewerbe allerdings eine untergeordnete Rolle. Entweder kommt er zu seiner Kundschaft, zum Beispiel auf Oldtimermessen, wo er live Fahrzeuge und Teile mit Zierlinien versieht, oder die Teile kommen per Paketdienst in seine Werkstatt. Als einen der letzten – und besten – Handlinierer kennen ihn Liebhaber historischer Motorräder auf der ganzen Welt. Speziell Besitzer von BMW-Kostbarkeiten schätzen nicht nur die ruhige Hand, sondern auch sein umfassendes Wissen darüber, wo, in welcher Stärke und welcher Farbe an den verschiedenen Modellen Linien angebracht waren. Sein Archiv über historische Motorraddesigns füllt ganze Regale. Nicht wenige Kunden pilgern daher selbst in Palas Reich. Gerne erinnert er sich zum Beispiel an den Herrn mit den beiden Lederkoffern, der eines Tages vor seiner Tür stand. In jedem befand sich der Tank einer BMW-Rarität. Wie lange denn das Linieren brauche, fragte der Kunde, er müsse am selben Tag noch zurück nach Johannesburg. „Ich hab gesagt, das reicht locker, ist ja nicht so weit“, erinnert sich Pala lachend. „Den Ortsnamen hab ich nicht richtig verstanden und irgendwie klang das, als sei es ganz in der Gegend. Aber der Kunde muss wohl gedacht haben: ganz schön selbstbewusst! Erst als der Motorradbesitzer dann irgendwann nervös wurde und nach dem Weg zum Flughafen fragte, wurde mir klar: Johannesburg – Südafrika!“.
„Stuttgart – Deutschland“ hieß das Ziel an das ihn ein anderer illustrer Kunde im Privatflugzeug einfliegen ließ. Vor Ort angekommen, bestand Palas Aufgabe lediglich darin, auf einem Enfield-Rahmen ein paar Linien zu ziehen. „Ich war etwas erstaunt und sagte zum Auftraggeber, dass er den Aufwand mit dem Flug vermeiden und mir den Tank auch hätte liefern können.“ Doch der Kunde wehrte ab. „Die Linien an der Enfield waren eine Art Arbeitsprobe“, erinnert sich Pala. „Da waren im Privatmuseum noch ein paar historische Maschinen zu linieren. Aber bevor er mich damit beauftragte, wollte der Kunden mit eigenen Augen sehen, ob ich tatsächlich frei Hand die Linien ziehe. Er hatte gar nicht geglaubt, dass es sowas überhaupt noch gibt.“ Es hat auch seine unterhaltsamen Seiten, der Letzte seiner Zunft zu sein.
Michael Rehm