Rasante Farbwechsel, mehr Vielfalt

Die neue Lackierstraße am Vespa-Stammsitz in Pontedera gehört zu den modernsten der Welt

Michael Rehm

Was schenkt man einer 70-Jährigen, die mitten im Leben steht und noch große Pläne hat? Für die Piaggio-Gruppe war der Fall klar: Ihre Tochter Vespa bekam zum runden Geburtstag, der 2016 gefeiert wurde, eine neue Lackiererei spendiert. Und zwar nicht irgendeine. Am Stammsitz im toskanischen Pontedera wurde eine der modernsten Zweirad-Lackierereien weltweit errichtet. Dabei stellte man auf eine nahezu komplett automatische Lackapplikation um. Lackierroboter tragen im elektrostatischen Hochrotationsverfahren Primer, Basis- und Klarlack auf. Das spart Lack und reduziert Overspray. Eine Besonderheit der neuen Lackierlinie besteht darin, dass Farbwechsel extrem schnell und umkompliziert erfolgen können – praktisch übergangslos von einer Karosserie zur nächsten. „Die neue Anlage hat uns in die Lage versetzt, nicht nur in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz einen großen Schritt nach vorne zu machen”, erklärt Massimo Maffei, bei Piaggio für Technologie und Infrastuktur der Werke verantwortlich, „auch das Spektrum der verwendeten Farben und Effekte konnte deutlich vergrößert werden.”

Deutlich mehr Auswahl

Das macht sich für Vespa-Kunden deutlich bemerkbar, denn die haben mittlerweile die Wahl zwischen 16 Farben. Jahr für Jahr fallen vier bis fünf Farbtöne aus dem Programm und werden durch neue ersetzt. „Aktuell am beliebtesten bei den Kunden ist Weiß mit einem Anteil von rund 35 Prozent. Es folgen Blau, Schwarz und Rot”, berichtet Massimo Maffei. Wer daraus schließt, dass die Vespa-Klientel nur für klassische Farben zu haben is, liegt nicht ganz richtig. Auch Farben wie Mattgelb, Orange oder Mattgrau verkaufen sich extrem gut. Überhaupt liegt der Anteil an matten Farbtönen – insgesamt sieben gibt es derzeit, und gerade kommt ein neues mattes Dunkelblau auf den Markt – bei erstaunlichen
30 Prozent der derzeit ausgelieferten Fahrzeuge. Dass hier so ein breites Angebot gemacht werden kann, liegt in erster Linie an der neuen Lackieranlage. „Die Ausprägung des Matteffektes hängt sehr stark von der Schichtdicke des matten Klarlacks ab”, erklärt Massimo Maffei. „In der alten Lackiererei erfolgte die Applikation zum großen Teil von Hand, sodass es schwer fiel, überall exakt dieselbe Schichtdicke und damit denselben Mattheitsgrad zu erzielen. Für die Lackierroboter in der neuen
automatisierten Lackiererei ist das aber kein Problem.”

Primer in drei Tönen

Lackiert wird „nass-in-nass”. Die KTL-grundierten Karosserien werden zunächst mit einem Primer beschichtet, den es, je nach dem späterem Basislack-Ton, in drei Farben, besser gesagt: Helligkeitsgraden gibt: Schwarz, Grau und Weiß. Nach einer Ablüftphase erfolgt der Basislackauftrag – erst ein dünner, dann ein satter Spritzgang. Nach einer weiteren Ablüftphase wird dann der Klarlack aufgetragen – und zwar grundsätzlich: Auch alle Uni-Töne erhalten einen glänzenden oder auch matten Klarlacküberzug. Die abschließende Trocknung erfolgt bei 80°C ungefähr eine Stunde lang.

April 2016 ging die neue Lackiererei in Betrieb. Anfangs wurde 500 Karosserien pro Tag lackiert. Mittlerweile verlassen 600 „Wespen” täglich die Lackierstraße – und bei Piaggio ist man optimistisch, dass die Zahl noch steigen wird. In den Städten Europas erfreuen sich die wendigen Kultroller, die quasi überall eine Parkplatz finden, immer größerer
Beliebtheit. Und auch für das Elektrozeitalter fühlt man sich bei Piaggio gerüstet. Schließlich ist vor Kurzem der Produktionsstart der von der Vespa-Gemeinde sehnsüchtig erwarteten „Elettrica” erfolgt. Beschichtet wird sie – wo sonst – in der neuen Lackierstraße in Pontedera.


Waren die ersten Vespas noch beige, grau oder silbern lackiert, ging der Trend im Lauf der Jahre zu immer mehr Farbigkeit.
Foto: M. Rehm
Mit ihr fing alles an. Mit dem Prototypen MPS Paperino entwickelte der Flugzeugingenieur Corradino d´Ascanio ein völlig neues Zweiradkonzept.
Foto: M. Rehm
Auch auf eine erfolgreiche Rennsportgeschichte kann die Vespa zurückblicken.
Foto: M. Rehm
Exotischer EInsatz: Die militärische Verwendung von Vespas blieb eine Ausnahme.
Foto: M. Rehm
Nicht nur Vespa: Im modernisierten und erweiterten Museo Piaggio gibt es mehr Platz für historische Fahrzeuge anderer Konzernmarken.
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Das Piaggio-Mofa bzw. Moped Ciao gehört seit den 70er-Jahren zum Programm.
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Von Künstlern gestaltete Vespas sind in einer kleinen Sonderschau zu sehen.Fotos: M. Rehm

Einfach, sparsam, leicht zu fahren: Im Piaggio-Museum wird die Geschichte der Vespa greifbar

Manchmal ist es von Vorteil, unbelastet von allzuviel Spezialwissen eine Aufgabe anzugehen. Die Geschichte der Vespa liefert eines der bekanntesten Beispiele dafür, dass Seiteneinsteiger mit einem völlig neuen Ansatz
Erfolg haben können, denn der Erfinder der Vespa, der Ingenieur Corradino d´Ascanio, hatte mit motorisierten Zweirädern so gut wie keine Erfahrung – und entwarf dennoch eines der erfolgreichsten überhaupt.

Dass man sich überhaupt mit Zweirädern beschäftigte, war der Not geschuidet. Die Firma Piaggio, wo d´Ascanio angestellt war, beschäftigte sich seit der Gründung 1884 erst mit Schiffs- und Eisenbahnbau, ab 1916 dann im Werk in Pontedera mit Flugzeugbau. Das Geschäft florierte, die italienische Armee gehörte zu den Hauptkunden. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Werk komplett zerstört. Da an Flugzeugbau, zumal militärischen, nicht zu denken war, musste nach dem Wiederaufbau des Werkes ein neues Produkt her. D´Ascanio schwebte ein einfaches, sparsames, leicht fahrbares Vehikel vor, das aus den Materialien, die damals zur Verfügung standen, und mit den vorhandenen Produktionsanlagen gebaut werden konnte. Sein erster Prototyp MPS, den er im Herbst 1945 ablieferte, stellte vieles auf den Kopf, was man bis dahin bei einem motorisierten Zweirad für sinnvoll und notwendig notwendig hielt. Aber er hatte Erfolg, ein
halbes Jahr später war die Vespa 98 da. Und damit begann eine Erfolgsgeschichte, die bis heute anhält. 1965 waren bereits drei Millionen Vespas verkauft, und die 20 Millionen-Marke dürfte demnächst erreicht sein.

Corradino d`Ascanios Arbeitszimmer ist heute im Museo Piaggio ausgestellt, neben Vespas aus allen Epochen und Fahrzeugen anderer Marken, wie zum Beispiel Laverda, Aprilia, Gilera und Moto Guzzi, die der Piaggio-Konzern im Laufe der Jahre übernommen hat. Das Museo Piaggio zählt zu den größten Zweiradmuseen Europas und wurde erst im vergangenen Jahr modernisiert und um eine Halle erweitert, in der Fahrzeuge der anderen Konzernmarken, vierrädrige und dreirädrige – wie die legendären “ape”- präsentiert werden. Eine permanente Sonderschau im
Museum zeigt zahlreiche Vespas, die von bekannten Künstlern und Designern gestaltet wurden. MR