In luftiger Höhe

Lackierungen von Seilbahnkabinen müssen hohen Belastungen standhalten

In den Werkshallen der CWA Constructions im schweizerischen Olten herrscht Hochbetrieb an diesem Spätnovembertag. In der Montagehalle werden Aluminiumprofile miteinander verschraubt, die nachher die Kabinenzelle bilden. Gleich nebenan setzen die Monteure Scheiben aus Polycarbonat in die Fensterrahmen ein, und in der Lackierabteilung wird an mehreren, dicht gedrängt stehenden Kabinen zugleich geschliffen. Die Lackieranlagen sind voll besetzt, gleiches gilt für das Auslieferungslager. Kein Wunder, denkt man sich, dass beim marktführenden Hersteller von Seilbahnkabinen um diese Zeit des Jahres unter Hochdruck gearbeitet wird. Die Skisaison steht schließlich vor der Tür, und bis Mitte Dezember müssen alle Kabinen am Seil hängen. Die Lieferadressen lesen sich wie ein Who is Who der Wintersportorte: Ins Skigebiet Silvretta Montafon gehen 148 Kabinen des Typs Omega, 82 Kabinen nach Saalbach, 47 zum Hintertuxer Gletscher, 63 ins französische Valmorel und so weiter. Rund 1.100 Kabinen werden zwischen September und Dezember 2011 das Werk verlassen haben.

Dennoch ist die Herstellung von Kabinen alles andere als ein Saisongeschäft. „Seilbahnen werden nicht mehr nur im alpinen Bereich eingesetzt“, erklärt Tobias Haarmann, Marketingleiter bei CWA Constructions. „Städtische Verkehrsbetriebe entdecken immer öfter seilgebundene Fahrzeugsysteme als umweltfreundliche und günstigere Varianten für den urbanen Personenverkehr.“ Ob Koblenz, London oder Istanbul – in vielen Städten der Welt werden auf diese Weise chronisch verstopfte Straßen entlastet. Entsprechend ändern sich die Anforderungen. Die Ausstattung von Kabinen in diesem Bereich führt oft an Klimatisierung, Heizung und Infotainment-Systemen nicht vorbei.
Größere Fenster, mehr Komfort
Wie sehr sich Seilbahnkabinen im Laufe der Zeit verändert haben, lässt sich im Oltener CWA-Werk ein Stockwerk unterhalb der Produktion besichtigen, wo Kabinen aus fünf Jahrzehnten Unternehmensgeschichte präsentiert werden. Bis in die 70er-Jahre herrschten eher kompakte Kabinenkarosserien aus Stahlblech oder Aluminium vor, in die relativ kleine Scheiben eingesetzt waren. Die spartanische Innenausstattung bestand aus Holz-, später Kunststoffbänken, die in der „Luxusausführung“ mit Teppichüberzug ausgestattet waren.
Heutige Kabinen bestehen fast ausschließlich aus Aluminium, das allerdings von großzügigen Fensterflächen unterbrochen wird. Ob dabei Sicherheitsglas oder Polycarbonat verwendet wird, hängt unter anderem von der Größe der Kabinen ab. „Bei Umlaufbahnkabinen für vier bis zwölf Personen ist Glas kein Thema“, erklärt Tobias Haarmann. „Ab und zu werden Sicherheitsglasböden für eine bessere Aussicht in VIP-Kabinen eingebaut, aber das Mehrgewicht ist so markant, dass für die Fenster der Kabinen vorzugsweise Polycarbonat verwendet wird. Bei Großraum-, Standseilbahn- und Shuttlefahrzeugen hingegen wird mehr Sicherheitsglas verbaut. Die Fahrzeugkonstruktionen sind so ausgeführt, dass möglichst große Sichtflächen entstehen oder sogar Glasdächer eingebaut werden können.“
Extreme Bedingungen
Die metallischen Flächen haben zugunsten größerer Fenster abgenommen und beschränken sich in der Regel auf die Spaceframe-Konstruktion und den Kabinenboden. Lackiert werden diese Flächen in einem handwerklichen Nasslack-Verfahren in drei oder vier Schichten. „Die Lackierung unserer Fahrzeuge muss die extremsten Temperatur- und Witterungsveränderungen verkraften können“, betont Martin Jäggi, der Leiter der Lackiererei. „Unsere Kabinen befinden sich in tropisch-feuchten wie auch in eiskalten Gebieten. Einige werden auch in Meeresnähe eingesetzt, was einen besonders hohen Korrosionsschutz erfordert.“ Bei Kabinen, die im Hochgebirge eingesetzt werden, steigen auch die Anforderungen an den UV-Schutz erheblich. Dazu kommen, speziell im Innenbereich, hohe mechanische Belastungen. „Beschichtungen im Innenbereich werden grundsätzlich mit Strukturlacken ausgeführt, da die Oberflächen so widerstandsfähiger gegen Abnutzung sind“, erklärt Jäggi. Entsprechend breit ist das Spektrum an eingesetzten Materialien. „Je nach Auftrag kommen Industrielacke, Nutzfahrzeug- oder auch Pkw-Lacke von DuPont bzw. Spies Hecker zum Einsatz“, erklärt Thomas Wyss, Verkaufsleiter Industrie- und Nutzfahrzeuglacke bei der CH Coatings AG. „Der Lackaufbau und die eingesetzten Qualitäten richten sich stark nach dem Einsatzgebiet der Kabinen. Die „Lebenserwartung“ einer Kabinenlackierung lässt sich nicht pauschal vorhersagen. „Es gibt Kabinen, die nach fünf Jahren renoviert werden müssen, weil sie extremen korrosiven Witterungsumständen unterliegen, sehr schlecht gewartet oder gereinigt werden oder immer wieder Attacken von Vandalen aushalten müssen“, berichtet Martin Jäggi. „Andererseits – und das ist die Mehrheit – gibt es CWA-Fahrzeuge, die über 20 Jahre im Einsatz stehen und nach wie vor eine tadellose Lackierung aufweisen.“
Angepasste Optik
Eng mit der Lackierung der Kabinen hängt die Beschriftung zusammen, die im CWA-Werk durch eine Partnerfirma ausgeführt wird. So gut wie jede Kabine erhält eine Beschriftung, mindestens ein Kundenlogo außen oder aber auch Sicherheitshinweise im Inneren. Die Beschriftungen dienen aber nicht nur als Informationsträger, sondern werden auch als grafische Elemente genutzt. Je nach Art und Zweck entscheidet man sich sogar, optische Akzente an Fahrzeugen mit Klebefolie auszuführen, statt diese zu lackieren. Dies ist oft bei zweifarbigen Fahrzeugen ein Thema, da diese Ausführung viel günstiger ist und die Optik auch später einmal leicht verändert werden kann. Immer häufiger werden auch die kompletten Kabinen mit Folien verklebt, die von innen durchsichtig sind. So können auch die großzügigen Fensterfronten mit in die Gestaltung einbezogen werden.
Intensiv in diesen Prozess eingebunden ist CWA-Chefdesigner Sergio Stanisci, der sein Handwerk in der italienischen Designschmiede Bertone gelernt hat. Er entwickelt das Design aller Kabinen- und Standseilbahnmodelle der CWA. „Dabei gibt es, ähnlich wie im Automobilsektor, gewisse Trends; die Themen Aerodynamik und Leichtbau spielen zum Beispiel eine große Rolle“, erläutert Stanisci, „und natürlich müssen wir uns an Rahmenbedingungen wie etwa Stationsbauten oder dem Erscheinungsbild der Liftgesellschaften orientieren. Andererseits legen wir aber auch Wert drauf, dass alle CWA-Kabinen eine eigenständige Designsprache aufweisen.“
Möglich ist beinahe alles
Bei der farblichen Gestaltung spielen die Vorstellungen und Ansprüche der Kunden eine große Rolle – und die sind kontinuierlich gestiegen. „Metallic-, Pearleffekt und auch Flip-Flop-Lackierungen sind keine Seltenheit mehr“, weiß Sergio Stanisci, „speziell bei Einzelstücken oder VIP-Gondeln, die ins Seil gehängt werden, wenn sich prominenter Besuch angesagt hat.“ Auch die Innenausstattung kann sich sehen lassen – Echtlederpolster und Multimedia-Anlagen sind bei solchen Kabinen schon fast Standard. Ein noch ausgefalleneres Modell steht in der Eingangshalle der CWA: außen metallic-grün, innen massivholzvertäfelt, erinnert es nicht nur an eine Sauna, es ist eine. Ein baugleiches Modell dreht seit einigen Jahren regelmäßig im finnischen Wintersportgebiet Ylläs seine Runden und erlaubt den Benutzern ein ziemlich einmaliges Vergnügen: Saunieren in luftiger Höhe. MR