Design Design-Highlight

„Wir bauen den Maßanzug auf vier Rädern“

In Deutschlands kleinster Fahrzeugmanufaktur spielt auch die Lackierung eine wichtige Rolle

Man muss schon ein bisschen suchen, wenn man die „Wagenbauanstalt“ finden will. Ein unscheinbares Industriegrundstück nahe Hamburg, links der Bahndamm, rechts das offenbar einzige Gebäude, das an diesem namenlosen Weg liegt – eher ein Wohnhaus. Zur Rechten öffnet sich aufs Klingeln hin ein Rolltor. Dahinter beginnt eine Art Schnitzeljagd zur versteckt gelegenen Werkstatt. Ein Kiesweg führt vorbei an einem VW Bulli, der schon Moos angesetzt hat, einem in die Jahre gekommenen US-Streifenwagen, einem 70er-Jahre-Yellow Cab und diversen rostigen Fahrzeugteilen. Betritt man schließlich die heilige Halle, merkt man sofort, dass hier irgend etwas anders ist. Musikfreunden fällt zum Beispiel auf, dass die Werkstatt mit Edith-Piaf-Chansons beschallt wird. „Das will unser Lackierer so“, meint Oliver Kaps, Chef der Wagenbauanstalt, „in den meisten Werkstätten dürfte wohl Radio laufen, aber wir sind auch keine normale Werkstatt.“

Wer leistet sich sowas?

Wie recht er damit hat, beweist ein Blick auf die Fahrzeuge, die in der Halle stehen. Da ist zum Beispiel die 356er Porsche-Replika, die Karosserie wirkt durchgerostet, dazu ziehen sich grau-weiße Schlieren über den Lack. Wie kann man so ein Fahrzeug nur so verkommen lassen? „Der soll so aussehen“, klärt Oliver Kaps auf. „Das Auto war schon auf den Titelblättern verschiedener Magazine.“ Was aussieht wie Rost, ist, nun ja, Rost. Allerdings ist hier nicht die Originalkarosserie korrodiert. Die wurde durch eine solide Schicht Flüssigfolie versiegelt. Auf diese trug Lackierer Michael H. Hamann bewusst unregelmäßig hellblauen Lack und Eisenpulver auf, das durch Zugabe von Wasser zum Oxidieren gebracht wurde. Großzügig verteilte weiße Farbspritzer komplettieren das Erscheinungsbild. In Verbindung mit einer gepflegten Steigerung der Motorleistung wurde der 356er so zum perfekten „Wolf im Schafspelz“. Wer leistet sich sowas? „Ganz normale Leute“, meint Oliver Kaps, „mit sehr viel Leidenschaft für Autos – und ziemlich viel Geld.“

Die Wagenbauanstalt hat sich auf komplett individuelle Spezialanfertigungen verlegt. „Ich sage immer: Wir bauen für unsere Kunden das letzte Auto“, meint Oliver Kaps. „Viele haben schon Porsche, Ferrari, Maserati und so weiter durch und suchen nach einem Fahrzeug, das ganz genau zu ihnen passt – weil es eben genau für sie gemacht wurde. Nicht nur Aussehen und Motorleistung passen da genau, sondern einfach alles: Haptik, Geruch, Sound. Wir bauen Maßanzüge auf vier Rädern“. Diese lassen sich Oliver Kaps Kunden eine ganze Menge kosten: Fahrzeuge aus der Wagenbauanstalt beginnen bei 200.000 Euro, recht schnell ist aber auch die halbe Million erreicht.

Exklusives Netzwerk

Warum das so ist, erklärt Oliver Kaps am Beispiel eines weiteren Auftrags, der kurz vor der Auslieferung steht. Ein schwarzer Lowrider, dessen Lackierung im Gegensatz zum Porsche eine wahre Augenweide ist. Tiefes Schwarz kontrastiert mit reliefartigen silbrigen Flächen. Im Motorraum, im Kofferraum und sogar am Türinnenfutter sind silbrige Pinstripe-Linierungen angebracht. Etliche Schichten Klarlack sorgen für Brillanz und Tiefe. Nur, was für ein Fabrikat ist das? „Eigenbau“, erklärt Oliver Kaps, „das heißt, irgendwann war es mal ein Chevy 210, aber viel übrig geblieben ist davon nicht.“ Am „Innenausbau“ lässt sich gut erklären, wie die Wagenbauanstalt arbeitet. Auf den ersten Blick fallen die geprägten Ledersitze und die Bedienknöpfe aus massivem Sterlingsilber auf. Leder und Knöpfe stammen von Pyrate-Style, einer Hamburger Kultmarke mit Totenkopf im Logo. Dort wurden schon Bühnenoutfits von Rockstars wie Keith Richards oder Udo Lindenberg geschneidert. Für andere Projekte greift Oliver Kaps auf den Besteckhersteller Robbe und Berking zurück – zum Beispiel, wenn ein Nummernschild vergoldet werden soll. „In dem Segment, in dem wir unterwegs sind, setzt sich Qualität am Ende immer durch“, erklärt Oliver Kaps seine Lieferantenstruktur, „und ganz besonders gilt das für den Lack.“ Hier hat er mit Michael H. Hamann einen kongenialen Partner gefunden – mit Liebe zum Detail und einem Faible für das Außergewöhnliche. „So aufwendig die kompletten Umbauten an unseren Fahrzeugen sind – für uns ist die Lackierung immer das Tüpfelchen auf dem i“, meint Oliver Kaps. „Lack verstärkt den Eindruck all dessen, was wir machen. Und auch im Gespräch mit den Kunden spielt die Lackierung eine sehr große Rolle – obwohl sie bei unseren Fahrzeugen finanziell gar nicht mal so sehr ins Gewicht fällt.“

Qualität hat Priorität

Gemeinsam bilden Oliver Kaps und Michael H. Hamann bereits die Wagenbauanstalt, Deutschlands laut Eigenaussage „kleinste Fahrzeugmanufaktur“. Natürlich hat Kaps drumherum ein Netzwerk aus Karosserie-, Motor- und Innenausbau-Spezialisten geknüpft, die bei den unterschiedlichen Aufträgen zuarbeiten. „Allzu viele Betriebe, die in unser Raster passen, gibt es allerdings nicht“, meint Kaps. „Zum einen, was die Fertigkeiten angeht, zum anderen ist es manchmal schwierig, die Kooperationspartner finanziell auf dem Boden zu halten.“ Dass dort, wo Autos für deutlich sechsstellige Beiträge den Besitzer wechseln, der Preis keine Rolle spielt, ist nämlich ein Gerücht. „Auch unsere Kunden habe ihre Budgets, die sie nach Möglichkeit nicht sprengen möchten“, meint Oliver Kaps. „In der Regel wird daher ein Grundpaket vereinbart, das meistens so bei 150.000 Euro liegt. Dafür bekommst du aber natürlich kein vergoldetes Nummernschild.“

Zuweilen kommt es auch vor, dass Kunden sich zunächst für eine günstigere Innenausstattung entscheiden und dann bei einem Besuch vor Ort an einem anderen Fahrzeug die Luxusvariante sehen – und sofort auch möchten. Das steigert dann den Preis – und verlängert die Auslieferungszeit. In dieser Hinsicht hat sich Oliver Kaps allerdings Gelassenheit antrainiert. „Qualität hat nicht nur ihren Preis – sie braucht auch ihre Zeit“, hat Kaps erfahren. „Viele verfluchen uns, weil wir viel zu lange brauchen. Dafür sind unsere Autos auf dem Titelblatt.“

Michael Rehm

Anzeige

Videotipp

Anzeige

FACEBOOK


Malerblatt Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Malerblatt-Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum arcguide Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des arcguide Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de