Silofahrzeuge mit Designlackierung

Die Alpen auf Rädern

Österreichische Spedition glänzt mit designlackierten Silofahrzeugen

Michael Rehm

Es muss irgendwo auf der A 8 gewesen sein, auf der linken Spur ging es halbwegs flott dahin, rechts rollte eine ununterbrochene Schlange eintönig gestalteter Lkw, plötzlich leuchtete auf dem Heck eines Silofahrzeugs ein glänzendes Gebirgspanorama auf, beim Überholen erschienen dann Gämsen, Berghütten, ein Gipfelkreuz und eine fesche Alpenbewohnerin in Tracht, alles brillant und auf Hochglanz lackiert. Im Rückspiegel war schließlich noch ein großes Edelweiß zu sehen, darüber der Schriftzug „Pitztal“. Was war das?
Zuhause angekommen, genügte es, die Begriffe „Pitztal“ und „Lkw“ zu googeln – schon erschienen weitere Silozüge mit spektakulärer Designlackierung, meist ebenfalls mit Alpen-, manchmal auch mit Sportmotiven – Mountainbiker, Kletterer, Kajakfahrer – und immer führte der Link zur Firma Silo Melmer, einer auf Silo-Transporte spezialisierten Spedition im österreichischen Imst. Die Neugierde war geweckt. Und es stellte sich natürlich die Frage, wo man diese Fahrzeuge einmal in Ruhe besichtigen und fotografieren könnte. Diese Frage wiederum konnte Junior-Chef Simon Melmer am Telefon recht genau beantworten. „Welchen Truck möchten Sie denn sehen? Wir sind in ganz Mitteleuropa unterwegs. Der Pitztal-Lkw ist nächste Woche in Kassel, das Kletterzentrum-Imst-Fahrzeug in Belgien, ein zweiter Pitztal-Truck mit Alpenblumen fährt momentan in Italien und unseren Giovanni-Truck müsste man in Wien erwischen können.“ Das klang nun allerdings so, als müsste man selbst Logistiker sein, um wenigstens ein paar Fahrzeuge zu Gesicht zu bekommen – schwierig, schwierig. „Eine andere Möglichkeit wäre, Sie kommen nächsten Sonntag nach Imst“, fuhr Simon Melmer fort, „da findet die traditionelle Fahrzeugweihe statt, und fast unser gesamter Fuhrpark versammelt sich vorher auf dem Firmenhof.“
Drei Tage später bietet sich am Fuße des Fernpasses ein beeindruckendes Bild. In Reih und Glied stehen über 30 meist aufregend lackierte Silofahrzeuge auf dem Firmengelände. Nur wenige Kilometer entfernt zweigt die Straße ins Pitztal ab – der Heimat der Spedition Melmer. Im Örtchen Wiese gründeten 1947 die Brüder Alois, Johann und Erwin Melmer das Transportunternehmen „Autofrächterei Gebrüder Melmer“. 1959 wurde das erste Silofahrzeug in den Fuhrpark aufgenommen. 1980 erfolgte der Generationenwechsel, und Rupert Melmer übernahm das Unternehmen, dessen Fuhrpark bereits sieben Silofahrzeuge umfasste – heute sind es 45. Doch wie kam es zur Idee, die Lkw zu rollenden Botschaftern und Werbeträgern für die Region zu machen?
Sponsoren gefragt
Es war wohl eine Mischung aus Kreativität und Heimatverbundenheit, gepaart mit Geschäftssinn, die dazu führte, dass Ende der 90er-Jahre der erste Pitztal-Truck entstand. „In der Regel sind die Werbetreibenden Sponsoren für das Design“, erklärt Simon Melmer. „Wir beziehen die Anhänger und Zugmaschinen entweder in unserer Firmenfarbe lichtblau oder weiß lackiert. Weiß sind sie dann, wenn ein Sponsor für eine Sonderlackierung gefunden wurde.“ Erster und nächstliegender Sponsor war die Urlaubsregion Pitztal, für die mittlerweile schon mehrere Fahrzeuge gestaltet wurden. Mit der Zeit kamen zahlreiche andere Unternehmen und Institutionen dazu, aus der Region und weit darüberhinaus. Die rollenden Kunstwerke aus dem Hause Melmer sind international bekannt und auf den Straßen Mitteleuropas zum Blickfang geworden. Konsequent setzte man bei Melmer auf hochwertige Airbrush- und Designlackierungen. „Unsere Fahrzeuge sind über lange Jahre im Einsatz“, erklärt Simon Melmer. „Airbrush überzeugt im Vergleich zu herkömmlichen Beklebungen vor allem durch seine lange Haltbarkeit und Farbechtheit. Zwei Klarlackschichten am Fahrerhaus und eine auf dem Silo konservieren und schützen die Kunstwerke. Zweimal jährlich werden die Oberflächen der kunstvollen LKW poliert, um so ein perfektes Bild auch tatsächlich perfekt wirken zu lassen.“
Stetig perfektioniert
Beschichtet wurden alle bislang komplett designlackierten Silozüge und Fahrerhäuser rund 70 Kilometer entfernt, in Rum bei Innsbruck. Dort ist die Firma Schmarl zu Hause, ein Karosserie-und Lackierbetrieb mit Spezialität Designlackierung. Seit 1993 sind Geschäftführer Elmar Schmarl und Airbrush-Profi Knud Tiroch als „Xtreme-Colors“-Team unterwegs. Die Aufgabenteilung dabei ist klar. Knud Tiroch kümmert sich um die Entwürfe und die künstlerische Umsetzung, das Lackiererteam um Elmar Schmarl ist für Flächen, Hintergründe, Untergründe und natürlich für Klarlack und Finish zuständig. „Die Silofahrzeuge bieten einerseits große, ununterbrochene Metallflächen für effektvolle Lackierungen; andererseits verlangt die runde Form sehr viel Gefühl für Proportionen“, erklärt Elmar Schmarl. „Da sind bei der Arbeit oft auch spontane Anpassungen nötig, damit ein Motiv auf einer Rundung wirkt – mit Folie wäre das gar nicht möglich.“ 17 Designtrucks für Melmer sind schon in Elmar Schmarls Lackierhalle entstanden. „Das Ganze war natürlich auch mit einem Lernprozess verbunden“, erinnert sich der Chef. „Ich weiß noch genau, wie wir Ende der 90er den ersten Zug gemacht haben. Fast zehn Stunden habe ich Klarlack gespritzt und mich dabei auf einer Leiter bewegt; immer auf und ab – am Ende hab ich fast geweint. Das zweite Fahrzeug haben wir dann von einem Gerüstbauer einrüsten lassen, fast wie ein Haus. Das war schon besser, aber noch lange nicht gut. Heute haben wir natürlich fahrbare Hebebühnen und reichlich weiteres Equipment.“ Etwa drei bis vier Tage veranschlagt das Xtreme-Colors-Team für die Gestaltung eines Trucks – ohne Vorarbeiten und den Klarlack, der heute bei einem reinen Lkw-Spezialisten in der Nähe aufgetragen wird.
Preiswert, nicht billig
Billig kann so eine Lackierung daher nicht sein, aber als Werbemedium durchaus preiswert, wie Simon Melmer vorrechnet. „Die Fahrzeuge sind mindestens zehn Jahre lang in ganz Mitteleuropa auf der Straße und absolvieren hunderttausende von Kilometern, die Silos sind sogar noch länger im Einsatz. Nehmen wir an, eine Lackierung kostet 60.000 Euro – aufs Jahr gerechnet macht das für einen Sponsoren also nicht mehr als ein paar Tausend Euro; für diese vielen Kontakte und die hohe Aufmerksamkeit ist das ein Schnäppchen.“ Dazu kommen Show- und Werbe-Events, Auftritte bei den Grand-Prix-Bewerben der FIA Truck-Serie und auf Truckertreffen, wo die Melmer-Fahrzeuge regelmäßig die ersten Preise bei den Schönheitswettbewerben abräumen.
Bekannt sind die Trucks nicht zuletzt auch in der Modellfahrzeugszene. „Praktisch jedes unserer Fahrzeuge wird von Modellbauherstellern sofort ins Programm genommen und in verschiedenen Maßstäben produziert“, erklärt Simon Melmer. Die Chance, ein solches Fahrzeug zu Gesicht zu bekommen, stehen allerdings nicht allzu günstig, denn die meisten sind innerhalb weniger Tagen ausverkauft. Wer dagegen die Fahrzeuge im Original sehen will, muss ganz einfach auf der Autobahn die rechte Spur im Auge behalten. Irgendwo auf Europas Straßen sind die „Alpen auf Rädern“ immer unterwegs.

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