Sprungbrett ins Lackierhandwerk

Riverside Ortenau bietet jungen Leuten eine attraktive Perspektive im Lackierhandwerk.

Evelyn Becker

Seit einer guten halben Stunde hämmern Ammar, Selina und Georgios in der Werkstatt an einem Kotflügel, geduldig beobachtet und immer wieder korrigiert vom erfahrenen Karosserie-experten Christian Cappa. Mal ehrlich: Wie viele Betriebe gibt es, in denen einem das Tagesgeschäft so viel Zeit und Ruhe für die sorgfältige Unterweisung der Auszubildenden lässt?

Doch hier bei Riverside Ortenau im badischen Kehl läuft das alles ein bisschen anders. Vor elf Jahren begann Markus Sansa zusammen mit Freunden ehrenamtlich mit Jugendlichen seinen Oldtimer zu restaurieren. 2007 gründete sich daraus ein gemeinnütziger Verein, damals noch unter dem Namen Riverside Kustomz.

Der Hang zu den Oldtimern ist immer noch kaum zu übersehen – davon zeugt der halb zusammengebaute Hot-Rod in der Empfangshalle. Doch dahinter versteckte sich von Anfang an viel mehr: „Unser Schwerpunkt liegt hier in der Ausbildung und der Unterstützung junger Menschen“, erklärt Markus Sansa, erster Vorstand und Gründer von Riverside – und nebenbei Hot-Rod- und Oldtimer-Fan. Riverside Ortenau hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schulabbrecher, Jugendliche mit schwierigen Ausgangsvoraussetzungen oder ohne berufliche Perspektive an die Hand zu nehmen und ihnen eine Chance auf eine Ausbildung zu geben – oder sie zumindest ans Berufsleben heranzuführen.

„Wir sind ein Lackierausbildungszentrum und legen neben unserer sozialen Ausrichtung auch großen Wert auf eine gute Ausbildung.“ Als gemeinnütziger Verein ist Riverside Ortenau sowohl freier Träger der Jugendhilfe als auch Ausbildungsbetrieb und Bildungsträger.

Begehrte Ausbildungsplätze

Dass man bei Riverside eine Ausbildung zum Fahrzeuglackierer machen kann, hat in der Region offenbar die Runde gemacht. Im vergangenen Jahr hatte Markus Sansa sechs Bewerbungen auf seinem Schreibtisch liegen. Für insgesamt vier der Bewerber begann dann im letzten Jahr die Ausbildung bei Riverside Ortenau. Von solchen Zahlen können viele Lackierbetrieb wohl nur träumen. Wie die jungen Leute auf den Betrieb mit dem besonderen Ausbildungsmodell kommen, kann Sansa selbst gar nicht genau sagen und vermutet: „Es spricht sich einfach so herum, dass wir uns intensiv um unsere Auszubildenden kümmern.“

Zuständig für die praktische Ausbildung in der Werkstatt ist Lackierermeister Mirko Wandres. Sehr früh zu Riverside Ortenau gestoßen ist Karosserieexperte Christian Cappa. Der Franzose hat seinen Meister in Frankreich gemacht und auch sein Berufsleben dort verbracht. Als Pensionär ist er jedoch durch Zufall zu Riverside im angrenzenden Kehl gestoßen und mittlerweile für die Karosserieausbildung zuständig. Gemeinsam bieten Mirko und Christian ihren Auszubildenden eine so gute Betreuung, dass auch Lackierbetriebe aus der Umgebung auf Riverside Ortenau aufmerksam geworden sind.

Mehr zu bieten

„Was wir hier bei uns anbieten, ist eine Art Ausbildungskooperation mit anderen Betrieben“, so der Gründer von
Riverside. So gibt es häufig größere Firmen, die mehr im Bereich der Industrielackierung tätig sind und bestimmte Ausbildungsinhalte in der betrieblichen Praxis gar nicht vermitteln können. Andere Unternehmen arbeiten so eng getaktet, dass im Alltag manchmal nur wenig Zeit für die intensive Ausbildung bleibt. „Daher bieten wir auch an, Auszubildende aus anderen Betrieben tageweise bei uns zu unterrichten.“ Bei Riverside Ortenau lernen die Azubis dann alles, was dazugehört: Schleifen, Ausbeulen und natürlich Lackieren – und das auch schon im ersten Lehrjahr. Der Erfolg gibt Riverside dabei recht: Alle 13 Auszubildenden, die hier seit der Gründung 2007 gestartet sind, haben ihre Lehre durchgezogen und arbeiten heute in den unterschiedlichsten Lackierbetrieben. „Wir möchten die Leute hier fachkundig ausbilden und dann in gute Unternehmen vermitteln“, betont Sansa. „Das ist dann eine Win-win-Situation.“

Partner im Handwerk

Selbstverständlich ist das nicht, da die Auszubildenden bei Riverside zum Teil schwierige Schulkarrieren hinter sich haben oder aus einem schwierigen sozialen Umfeld stammen. Um dafür einen Ausgleich zu schaffen, arbeiten in dem Verein auch so genannte Arbeitserzieher, die als Unterstützung in der Werkstatt tätig sind und die Auszubildenden und die Ausbilder dort begleiten. „Die Arbeitserzieher übernehmen dann den pädagogischen Teil der Ausbildung und dienen häufig als Vermittler und Sprachrohr zwischen den Azubis, den Meistern, dem Ausbildungsbetrieb und den Eltern.“

Finanziell trägt sich der Verein primär durch Fördergelder von Stadt, Land, der Agentur für Arbeit und dem Jugendamt. Das ganze Konzept – so schön es auch klingt – ist jedoch sehr aufwendig und auch kostenintensiv. Um den Laden am Laufen zu halten, übernimmt Riverside Ortenau daher auch in begrenztem Umfang normale Werkstattaufträge. „Uns ist es ganz wichtig, dass andere Lackierbetriebe uns nicht als Konkurrenz ansehen, wenn wir auch im normalen Werkstattalltag noch ein paar Aufträge annehmen“, betont Sansa. „Wir möchten Partner des Lackiererhandwerks sein“, führt er weiter aus. Der Verein versucht ständig, den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und sozialer Arbeit zu meistern. Man merkt den Riverside-Verantwortlichen aber an, dass sie sich am liebsten komplett auf die Ausbildung konzentrieren würden.

Unterstützung ist gefragt

Damit das Ziel, ohne den wirtschaftlichen Druck ausbilden zu können, bald erreicht wird, ist Riverside Ortenau stets auf der Suche nach weiteren Kooperationspartnern. Was nach Aussage des Vereinsgründers am meisten benötigt wird, ist die Unterstützung von Unternehmen aus der Lackbranche, aber auch von normalen Lackierbetrieben. „Wir sind schon erste Schritte in diese Richtung gegangen“, berichtet Sansa, „nun sind wir dabei, diese Lobbyarbeit voranzutreiben. Wenn wir Erfolg haben, können wir noch mehr Jugendlichen den Sprung ins Lackierhandwerk ermöglichen.“



Riverside Ortenau e.V.

www.riverside-ortenau.de