Musterohne Wert?

Gespritzte Farbtonmuster galten lange als unverzichtbar. Aber immer mehr Lackierer arbeiten 100 Prozent digital. Welchen Weg schlagen die Lackhersteller ein? Welche Empfehlung geben sie?

Autolack-Farbtonmuster gibt es wahrscheinlich seit Autos lackiert werden. Eine Musterbox fehlt auch heute noch in keiner Werkstatt. Ohne Farbpaspelsystem zum richtigen Farbton zu kommen, war lange Zeit gar nicht vorstellbar. Aber die gerakelten oder lackierten Muster haben Konkurrenz bekommen. Bereits 1993 (!) stellte AkzoNobel mit Automatchic das erste tragbare Farbtonmessgerät für die Werkstatt vor. Was bisher Coloristen im Labor vorbehalten war – nämlich Farbtöne unter verschiedenen Winkeln zu messen und auszuwerten, um per Datenbankrecherche zur passenden Lackmischformel zu gelangen – war plötzlich auch Anwendern im Lackierbetrieb möglich. Bald hatte jede Lackmarke ihr Messgerät präsentiert. Aus dem technologischen Highlight für Trendsetter ist mit den Jahren ein Alltagswerkzeug im Profilackierbetrieb geworden. Heute, einige Jahre und auch Gerätegenerationen später, sind die Spektrofotometer in Verbindung mit der passenden Software in der Lage, auch komplizierte Effektlacke zu messen, Treffergenauigkeiten vorauszusagen und Alternativrezepturen auszuspucken. So ganz hat das bisher aber nicht ausgereicht, um die Colorboxen aus den Betrieben zu verdrängen.

Die einen sagen so, …

Wie stark die Lackierer an den Colorboxen hängen, konnten wir – stichprobenhaft – zum Beispiel bei einer Facebook-Umfrage ermitteln, an der über 500 User abstimmten. Rund 60 Prozent der Befragten gaben an, dass die Farbtonpaspeln für sie unverzichtbar seien. Immerhin erstaunliche 40 Prozent der User waren allerdings der Meinung: „Das Messgerät reicht aus“.

Und wie sehen das die Lackhersteller? Es ist kein Geheimnis, dass die meisten Hersteller gerne auf lackierte Paspeln verzichten würden – allein schon der Kosten wegen. Während die digitale Hard- und Software für die Messegeräte eher günstiger wird, bleiben die Kosten für die Herstellung der Paspelsysteme konstant hoch – und sie können nur selten an die Kunden weitergegeben werden. Dazu kommt, dass die Systeme nur Sinn machen, wenn sie regelmäßig aktualisiert – und die Ergänzungen auch einsortiert werden.

Wir haben die Lackhersteller einmal gefragt, welchen Weg zum Farbton sie ihren Kunden empfehlen würden: den „klassischen“ über die Farbmuster oder den rein digitalen. Der Tenor bei den Antworten: „Wir bieten beide Optionen – der Kunde entscheidet.“ Dennoch gibt es interessante Nuancen und Unterschiede – die letztlich nur eines zeigen: In Sachen Farbtonfindung ist die Branche unter dem Eindruck der Digitalisierung ziemlich im Umbruch. mr ■


Wenn die Karte passt und beilackiert werden kann, sieht man bei Lechler Effizienzvorteile bei den Paspeln. (Foto: Lechler Coatings)
Die „Spectro only“-Lösung hat ihre Berechtigung – zum Beispiel, wenn viele und neuere Fahrzeuge lackiert werden. (Foto: Lechler Coatings)

Von Fall zu Fall …

Um objektiv zu bewerten, welche Lösung bzw. welcher Farbtonfindungs-Prozess am besten zu einer Lackiererei passt, sollten wir zwischen zwei unterschiedliche Reparaturfällen unterscheiden:

a) Ein Farbton verfügt über eine ausreichend ähnliche Karte in der COLOR Box, um auf das Auto durch die „Beilackiertechnik” appliziert zu werden.

b) Ein neuer Farbton oder eine Farbvariante ist sehr unterschiedlich im Vergleich zu den in der COLOR Box verfügbaren Karten und kann daher nicht durch die „Beilackiertechnik” reproduziert werden.

Im Fall a) stellt sich sicherlich die Farbtonfindung mithilfe unserer COLOR Box als der effizienteste Arbeitsprozess heraus. Sie ermöglicht innerhalb von wenigen Minuten die Farbermittlung, besonders wenn die chromatisch sortierte Version (COLOR BOX Chroma Flex) eingesetzt wird. Das System mit „Spectro ONLY”, also die Farbtonfindung allein mithilfe des Messgerätes, benötigt dagegen längere Zeiten aufgrund der zusätzlichen Vorbereitung und einer komplexen Messungsphase, in der die üblicherweise die drei notwendigen Messungen vorgenommen werden. Zudem müssen die Daten auf einen PC heruntergeladen und bearbeitet werden, um eine Farbrezeptur zu erzielen.

Im Fall b) ist es eindeutig, dass sich das System „Spectro ONLY” tatsächlich als die einzige Lösung herausstellt, die in kurzer Zeit die Farbnachstellung eines der Reparatur angemessenen Farbtons ermöglicht, alternativ zum Mitwirken eines Technikers des Händlers oder des Herstellers, was aber zu viel längeren Zeiten führt.

Man muss jedoch hervorheben, dass die Anwendung des Spectros in einigen Situationen eventuelle Schulungsdefizite bzw. fehlende Erfahrung des Lackierers beheben kann.

Nicht zuletzt sollte die Entscheidung aus Effizienzgründen fallen. In Lackierereien, die mehr als 20 Autos pro Woche lackieren oder Lackierereien, die hauptsächlich sehr neue Fahrzeugbestände bearbeiten, könnte die Lösung „Spectro ONLY” bevorzugt werden, da sie insgesamt und im Durchschnitt effizienter und produktiver für die korrekten täglichen Arbeitsabläufe ist.

Marco Pratelli, Refinish Marketing-manager Lechler Coatings


Adrian Ball: „Der Hauptvorteil des digitalen Prozesses liegt bei der Aktualisierungs-geschwindigkeit.“ (Foto: PPG)

Digital ist schneller

„Die Entscheidung, ob Farbe visuell oder digital bestimmt werden soll, liegt unserer Meinung nach beim Kunden allein. Unsere Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass unser Produktangebot und die Farbfindungstools Hand in Hand erstellt wurden, damit der Nutzer jedes Mal perfekte Ergebnisse erhält. Das allerwichtigste – und hierfür sind wir bekannt – ist, dass die Farbpaspeln dem Lack entsprechen. Das wird nur dadurch erreicht, dass unser Basislackangebot nicht von der Applikationstechnik eines Lackierers beeinflusst wird. Mit der stabilen Mikrogel-Technologie und durch eine klare Vorgabe der Applikationsart erhält jeder Lackierer dasselbe Ergebnis zu jeder Zeit. Aus diesem Grund sind die Farbpaspeln weiterhin so attraktiv für unsere Kunden. Für einen erfolgreichen digitalen Spectro-Farbfindungsprozess sind dieselben Voraussetzungen erforderlich. Ein Spectro liest die Farbe eines Fahrzeugs und vergleicht sie mit den eingelesenen Reflexionsgraden von Spritzmustern eines bestimmten Farbtons oder einer Variante. Wenn das Spritzmuster im Farblabor nicht das tatsächliche Ergebnis widerspiegelt, das der Lackierer in einer Werkstatt erzielt hat, stimmt der vom Spectro vorgeschlagene Farbton nicht immer mit dem Farbton des Fahrzeugs überein.

Wir haben Kunden, die ein visuelles Farbidentifizierungsverfahren bevorzugen, zunehmend aber auch Kunden, die sich ausschließlich auf ein digitales Farbidentifizierungsverfahren verlassen. Der Hauptvorteil des digitalen Prozesses liegt bei der Aktualisierungsgeschwindigkeit. Sobald ein Farbton vom Spectro abgeglichen, eingelesen und in unsere Farbdatenbank geladen wurde, ist er live beim Kunden verfügbar. Eine Farbpaspel herzustellen und in eine Colorbox zu hinterlegen, dauert selbstverständlich viel länger.“

Adrian Ball, PPG Marketingmanager Zone 4


Armin Dürr, Technical Manager AkzoNobel DACH

„Technologien, Geräte und Software sind heute so hoch entwickelt, dass sie die bisherige Colordokumentation vollständig
ablösen können.“