Patina statt         Hochglanz?

Bei der Oldtimerrestaurierung haben sich die Prioritäten verschoben

Michael Rehm

Die Lackierung ist eine Schlüsselposition bei der Restaurierung von Oldtimern. Und sie steht im Mittelpunkt einer Diskussion, die durch die Veröffentlichung der so genannten „Charta von Turin“ angestoßen wurde. Im Grunde geht es dabei um die Frage, was höher zu bewerten ist: Die Geschichte eines Fahrzeugs oder der bestmögliche Zustand. Die Verfasser der Charta bezogen klar Stellung: Vorrang soll der Erhalt der vorhandenen Substanz haben, an Stelle der Vollrestaurierung soll eine behutsame Konservierung stehen. Doch wie weit steht die komplette Classic Car-Szene hinter diesem Konzept? Wie sehr soll man einem Fahrzeug – und speziell der Lackierung – sein Alter ansehen? Sollen Kratzer, Defekte und Alterserscheinungen des Lackes behoben werden, oder macht gerade die Patina den Wert eines Fahrzeugs aus? Diese und weitere Fragen stellten wir Jürgen Book, bei BASF Coatings für den Bereich Classic Cars verantwortlich.

Herr Book, „Hochglanz war gestern“, könnte man angesichts der aktuellen Diskussion um die korrekte Vorgehensweise bei der Restaurierung von Old- und Youngtimern vermuten. Werden Lackierer, die sich mit dem Thema befassen, künftig anstatt Autos zu lackieren nur noch überlegen, wie man die Patina am besten erhält?

Richtig ist, dass in einem größer werdenden Segment des Oldtimermarktes die so genannte Charta von Turin zum Tragen kommt. Und die besagt, dass die Historie und die Authentizität eines Fahrzeugs Vorrang haben gegenüber dem technischen und optischen Optimalzustand. Wenn heute auf einer Oldtimermesse fünf Pagoden stehen, dann drängen sich die Besucher um das Fahrzeug mit den meisten Gebrauchsspuren. Es gibt ja bereits Fälle, die in der Szene Schlagzeilen gemacht haben, und bei denen unrestaurierte Fahrzeuge höhere Preise erzielt haben als restaurierte gleichen Typs. Der Preis ist ein schwer zu schlagendes Argument.

Zumindest bei denjenigen Kunden, die Oldtimer primär als Wertanlagen sehen …

Und das sind mittlerweile viele.

Trotzdem gibt es doch einen großen Teil von Kunden, die eine fachgerechte und originalgetreue Restaurierung wünschen, aber durchaus nichts gegen Hochglanz haben.

Selbstverständlich – es macht ja auch einen Unterschied, ob ein Auto im Museum steht, oder auf der Straße gefahren wird. Der Oldtimermarkt ist sehr vielschichtig geworden.

Welche Konsequenzen hat das für Lackier- und Karosseriebetriebe, die sich mit dem Thema befassen?

Zum einen, dass viel intensiver als früher geklärt werden muss, was getan wird. Welcher Zustand soll erreicht werden? Wieviel Patina wird akzeptiert? Wieviel wird verlangt? Was muss aus Sicherheitsgründen getan werden? Wie verhalte ich mich, wenn die Vorstellungen eines Kunden nicht mit meinen eigenen zu vereinbaren sind? Ich muss einem Kunden auch sagen können: Die Lackierung ist hinfällig, da gibt es nichts zu konservieren, zumindest nicht halbwegs dauerhaft. Wir reden hier über Grenzbereiche, in denen es sehr viel Fingerspitzengefühl und auch Erfahrung braucht, um bei den enormen Summen, die im Spiel sein können, nachher nicht der Dumme zu sein.

Wie stellen Sie sich als Lackhersteller auf die geänderte Situation ein? Historische Lacke nachzurezeptieren kann ja kaum der Weg sein …

Nein, natürlich stellen wir für Einzelprojekte unser lackhistorisches Know-how zur Verfügung. Aber wir werden keine nicht mehr zeitgemäßen Materialien produzieren.

Wo liegen dann die Schwerpunkte?

Interessanterweise macht die Charta von Turin keine Aussagen über den Farbton. Den historisch korrekten Farbton zu treffen, ist aber zunächst einmal ein ganz wichtiges Kriterium einer korrekten Restaurierung. Hier kann die BASF Coatings natürlich mit ihrer Expertise helfen. Außerdem muss man berücksichtigen, dass es durchaus zahlreiche Kunden gibt, die sagen: Mein Oldtimer soll aussehen, wie er vor 50 Jahren vom Band lief. Auch daran kann ich nichts „unhistorisches“ finden, und hier haben wir bewährte Materialien und Verfahren im Portfolio.

Aber was tut man für den Teil der Klientel, der Patina und Gebrauchsspuren verlangt oder erhalten möchte?

Auch hier bilden unsere modernen Materialien und unsere Farbtonkompetenz die Basis für die Restaurierung. Aber die Fragestellungen sind anders: Mit welchen Materialien kann ich eine Fahrzeugpartie, die nicht neu lackiert werden soll, dauerhaft konservieren? Wie erreiche ich auf einem Kotflügel, den ich aus technischen Gründen neu beschichten musste, genau den speckigen Glanz, den der Kunde gerne hätte? Und wie gleiche ich bei einer Teillackierung den Originalfarbton, den ich mir ausmischen kann, demjenigen Farbton an, der nach 50 Jahren am Rest des Fahrzeugs vorliegt? Für solche und ähnliche Fragestellungen haben wir Techniken entwickelt, die wir unseren Partnern im Classic Car-Bereich weitervermitteln. Die Aufgabenstellung im Bereich der Lackierung war noch nie so vielschichtig wie heute.

Herr Book, vielen Dank für das Gespräch.