Komplexe Anlagen

Mit dem Einstieg in den Industriebereich wachsen die Ansprüche an die Lackieranlage sehr schnell

Michael Rehm

Die Oberflächentechnik ist in der Vielfalt der Anwendungsfälle und ihren Beschichtungsverfahren zweifellos ein Wachstumsmarkt. Die Ansprüche an die Optik von Fahrzeugen, Bauteilen und Maschinen steigen permanent an. Aber auch die Beständigkeit gegen Witterungseinflüsse und Materialschädigungen sind wichtige Gründe, warum die Oberflächentechnik heute einen hohen Stellenwert hat. Viele Inhaber von Fahrzeugbetrieben haben die Zeichen der Zeit erkannt und sind mit zunächst einfachen Mitteln und geringen Investitionen in das Thema Industrielackierung eingestiegen. Einige Betriebe, die mit neuen Herausforderungen konfrontiert wurden, haben diese angenommen, sich zu größeren Industrielackierbetrieben entwickelt und sind heute unter anderem für die Automobilindustrie tätig. Ein großer Teil der Betriebe betreibt beide Bereiche, Fahrzeug-Reparaturlackierung und Industrielackierung, parallel. Aufträge sind hier häufig Stahlkonstruktionen für Maschinenbaubetriebe oder für Gehäuse- und Dekorteile.
Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass diese Produkte auch in einer Lackieranlage für die Fahrzeugreparatur lackiert werden. Je nach Auslastung der Anlage führt es jedoch früher oder später zu Abstimmungsproblemen, wenn Fahrzeuge und Industriebauteile im Wechsel lackiert werden müssen. Manche Betriebe haben sich deshalb eine zweite Lackieranlage gebaut, in der vorwiegend Industrieaufträge durchgeführt werden. Ein Beispiel ist die im letzten Lackiererblatt vorgestellte Firma Speckbacher, die neben der Fahrzeug-Reparaturlackierung auch Bauteile für Landmaschinen lackiert.
Ansprüche steigen schnell
In vielen Fällen werden die Lackierbetriebe sehr schnell mit steigenden Ansprüchen konfrontiert. Die Stückzahlen steigen, Qualitäts- und Prozessvorschriften kommen hinzu. Dabei kommen neue Fragen und Themen auf: Wie werden die Bauteile transportiert – muss ein Fördersystem installiert werden? Welcher Prozessablauf ist erforderlich? Muss eine Vorbehandlungsanlage zur Teilereinigung und Verbesserung des Haftgrunds vorgesehen werden? Bei höheren Ansprüchen an die Oberflächenqualität müssen gezielte Investitionen getätigt werden. Je nachdem, welche Technik erforderlich ist, wird bei Industrieanlagen sehr schnell eine Dimension erreicht, die den Standard und auch die erforderlichen Investitionen von Reparaturanlagen übertrifft. Über mögliche Szenarien in der Industrielackierung sprachen wir mit Viktor Richtsfeld, Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsführung Wolf Anlagen-Technik.
Herr Richtsfeld, Ihr Unternehmen liefert Lackieranlagen sowohl für den Reparaturbereich als auch für industrielle Beschichtungen. Wie würden Sie die Entwicklung der beiden Bereiche momentan beschreiben?
In beiden Bereichen bieten sich Potentiale. Im Reparaturbereich sehen wir derzeit einen Konzentrationsprozess. Die Projekte werden zwar weniger, dafür aber größer. Unsere Kunden erwarten vor allem Komplettlösungen. Darin sehen wir eine Herausforderung. Unsere gesamte Produktreihe ist voll darauf ausgerichtet, die besten Lösungen für den Reparaturprozess zu bieten. Der Hauptanteil unserer Projekte geht in den Reparaturbereich.
Der Industriebereich ist für uns deshalb interessant, weil er ein Wachstumsmarkt ist. In diesem Bereich sind wir spezialisiert auf Nasslackieranlagen für den Maschinenbau und mittelständische Automobil-Zulieferbetriebe. Gerade für die Lackierung hochwertiger Kunststoffteile werden unsere Kabinen und Trockner sehr geschätzt.
Inwiefern unterscheidet sich, wenn es um Industrie-Projekte geht, die Rolle des Anlagenbauers? Es sind hier ja auch Aspekte wie die Förder- oder die Vorbehandlungstechnik zu gestalten?
Das hängt von den Vorstellungen des jeweiligen Kunden ab. Manche Kunden machen lediglich Vorgaben bezüglich der gewünschten Ausrüstung wie z.B. Kabine, Trockner, Waschkabine und Förder-Handschiebebahn. Andererseits gibt es auch Anfragen mit klaren Vorgaben bezüglich Prozessablauf und Taktzeiten. Dann muss jeder Prozessschritt im Anlagen-Layout abgebildet werden.
Inwieweit greift Wolf da auf spezialisierte Lieferanten, zum Beispiel für Fördertechnik zurück?
Bei Förderanlagen gibt es verschiedene Typen wie Boden- oder Hängeförderer und Systeme wie Handschiebetechnik, Kreisförderer oder Power&Free-Anlagen. Da wir Förderanlagen häufig integrieren, kennen wir auch die Vorzüge und Stärken der jeweiligen Hersteller. Wir wählen für Fördertechnik-Projekte unsere Partner schon sehr früh aus, da in der Planungsphase schon wertvolle Ideen einfließen können.
Ist Ihr Unternehmen bei Industrieprojekten als Generalunternehmer tätig und koordiniert die anderen „Gewerke“?
Es gibt beide Varianten: Entweder sind wir als Generalunternehmer tätig, oder der Kunde kauft Umfänge wie Förderanlagen und Roboter direkt ein. Die einzelnen Firmen arbeiten dann an den mechanischen und elektrischen Schnittstellen zusammen. Wir haben hier bisher immer gute Erfahrungen gemacht.
Wie ist der Industriebereich bei Ihnen organisiert? Gibt es Spezialisten, die ausschließlich Industrieanlagen planen und realisieren?
 Unsere Ingenieure und Projektleiter verfügen in beiden Bereichen über das notwendige Know-how, um entsprechende Projekte planen und verkaufen zu können. Zwischen Industrie- und Reparaturbereich gibt es ja viele Synergien, sodass wir hier bewusst nicht auf reine Spezialisten setzen. Dasselbe gilt für den sehr wichtigen Bereich der Projektabwicklung.
Werden Industrielackieranlagen noch exakter als Refinish-Anlagen auf das zu erwartende Auftragsspektrum hin konzipiert? Anders gefragt: Wie universell kann eine Industrielackieranlage sein?
Die Konzeption richtet sich stark nach dem Produkt. Während es im Refinish-Bereich für die Abmessungen von Arbeitsplätzen und Kabinen Standards gibt, werden Industrieanlagen oft auf die Größe der jeweiligen Bauteile ausgelegt. Es gibt Industrielackierer, die sehr flexibel sein müssen und ein großes Bauteilespektrum in Bezug auf Abmessung und Gewicht abdecken wollen. So haben wir einem Kunden eine Anlage mit Fördertechnik für bis zu drei Meter lange und 1,5 Meter breite Serienbauteile gebaut, wobei die Kabinen so ausgeführt waren, dass auch Schwerlastteile mit einem Transportwagen eingebracht werden können.
Inwieweit lassen sich Pkw-Lackieranlagen bzw. –betriebe so planen, dass eine spätere Hereinnahme von Industrieaufträgen möglich ist?
Wer sich mit dem Gedanken befasst, neben der Pkw-Reparaturlackierung auch Industrielackierungen durchzuführen, sollte diese Bereiche aus meiner Sicht anlagentechnisch trennen. Die Anforderungen beider Bereiche und auch die Lacksysteme sind unterschiedlich. Die Reparaturlackierung, bei der es sehr auf das Detail ankommt, würde ich nicht mit Industrieaufträgen mischen. Wir haben einige Kunden, denen wir für Industrielackierungen eine eigene Anlage geliefert haben. Hierzu gehören die bereits erwähnte Firma Speckbacher in Weer bei Innsbruck und die Firma Kar.La.Zet in Bruck in der Oberpfalz.
Herr Richtsfeld, vielen Dank für das Gespräch.