Breites Auftragsspektrum

Die Firma Böttinger hat sich im Bereich der Industrielackierung ein zweites Standbein geschaffen

Michael Rehm

Wenn Fahrzeuglackierer in die Industrielackierung einsteigen, gerät die Pkw-Lackierung manchmal mit der Zeit ins Hintertreffen, und einige Fahrzeuglackierer haben sich unter dem Eindruck des zunehmenden Verdrängungswettbewerbs in der Autoreparatur beinahe komplett auf die Beschichtung von Industrieteilen verlegt. Bernd Böttinger, Geschäftsführer der Firma Böttinger Karosserie und Lack in Blaubeuren, will diese Option aber für sich ausschließen. „Für Fahrzeuglackierer sehe ich eigentlich drei Möglichkeiten: Die Entwicklung zum Allrounder und eine komplette Ausrichtung des Geschäfts auf die Schadensteuerung, die Konzentration auf Autohauskunden – dort, wo die Voraussetzungen gegeben sind – oder eben die Hereinnahme von Industrielackierungen als weiteres Standbein.“ Sein Unternehmen ist als „Böttinger Karosserie und Lack“ in der Schadensteuerung aktiv, beschäftigt sich aber bereits seit dem Jahr 2000 mit Industrielackierung und hat mittlerweile mit der „B. Böttinger Oberflächentechnik“ einen Zweitbetrieb gegründet, in dem alles lackiert wird, was keine Räder hat. Persönlich ist er hin- und hergerissen. „Als Kaufmann und Autofreund stellt natürlich der klassische Reparaturbereich nicht zuletzt durch die Schadensteuerung eine Herausforderung dar, der ich mich gerne stelle. Mein Lackiererherz schlägt dagegen höher, wenn ich an die Vielfalt von Problemstellungen, Untergründen und Materialien denke, denen man in der Industrielackierung begegnet.“

Sach- und fachgerecht

Einen Eindruck von dieser Vielfalt erhält, wer die Werkshalle der B. Böttinger Oberflächentechnik betritt. Vom Omnibus-Stoßfänger bis zum Armaturenbrett des ICE-Triebkopfs, von der Ölpumpe bis zum Unterbau für Operationstische – die Aufträge, die hier in zwei Lackierstraßen beschichtet werden, könnten unterschiedlicher nicht sein – zumindest auf den ersten Blick. „Es gibt aber Gemeinsamkeiten, die sich aus unserer Anlagenkonstellation und unseren speziellen Stärken ergeben“, erläutert Bernd Böttinger. „Wir konzentrieren uns auf die manuelle Nasslackierung von Teilen, die nicht länger als drei Meter und nicht schwerer als eine Tonne sind. Viel stärker muss man sich am Anfang nicht spezialisieren.“ Übertriebenen Respekt vor dem ungewohnten Aufgabengebiet Industrielackierung hält Böttinger nicht für angebracht. „Im Handwerk gibt es den schönen Begriff der sach- und fachgerechten Arbeit, und genau die ist auch bei Industrieaufträgen gefragt. Natürlich gibt es darüber hinaus in der Industrie Normen, Prüfungen und spezielle Anforderungen an Beschichtungen, doch das ist für einen gelernten Fahrzeuglackierer beherrschbar. Jeder weiß, was ein Gitterschnitt ist, jeder kann Schichtdicken messen, und für komplexe Prüfungen gibt es Labors und spezialisierte Institute, die belastbare Daten liefern. Nicht zuletzt steht unserer Erfahrung nach ja auch der Lackhersteller mit seinem Know-how zur Seite, wenn es um die Auswahl von Lackaufbauten für bestimmte Untergründe geht.“

Kalkulation ist entscheidend

Wer Industrielackierungen anbieten möchte, braucht zunächst einmal freie Kapazität und Platz, um Teile abstellen zu können. Hilfreich sind außerdem Hubwagen oder, wenn die Teile größer werden, Stapler. Die Auswahl des Applikationsgerätes richtet sich bei der Nasslackierung nach der Teilegröße, -menge und -geometrie sowie nach den verarbeiteten Lacken. „In die Industrielackierung kann man nach meiner Erfahrung langsam hineinwachsen“, stellt Bernd Böttinger fest. „Erst, wenn sich ein gewisses Auftragsschema herauskristallisiert und eine bestimmte Spezialisierung stattgefunden hat, sind größere Investitionen sinnvoll.“

Mindestens ebenso wichtig wie die technische Ausstattung ist vor allem am Anfang das kaufmännische Rüstzeug. „Kalkulationskompetenz sollte auf jeden Fall vorhanden sein“, weiß Böttinger. „Es hilft mir ja kein Schwacke und kein Audatex, sondern ich selbst muss meinen Lohn- und Materialaufwand pro Einheit, pro Tag und pro Mitarbeiter sauber errechnen. Richtig Spaß macht die Industrielackierung ja erst, wenn auch Geld verdient wird.“

Weitere Informationen:
www.boettinger.biz


Effizientes Netzwerk

MR

Herr Böttinger, Sie sind seit längerem auch im Bereich Industrielackierung unterwegs – wie beurteilen Sie die Chancen, dort einzusteigen und sich ein zweites Standbein zu schaffen?

Nach wie vor sehe ich gute Chancen. Viele Industriebetriebe brauchen externe Lackierer, um Spezialaufgaben zu lösen oder Auftragsspitzen abzuarbeiten, andere verfügen gar nicht über eine eigene Lackierabteilung und geben Lackieraufträge grundsätzlich außer Haus. Und nicht wenige Unternehmen sind auch dabei, die hauseigene Lackierabteilung auszulagern. Hier ergeben sich für kompetente Lackierer immer Möglichkeiten.

Wie schafft man den Einstieg?

Indem man die eigenen Ressourcen analysiert und dann erste Aufträge zu akquirieren versucht. Wer gute Arbeit abliefert, wird schnell merken, dass die Kunst nicht nur in der Beschichtungsleistung liegt, sondern darin, die passenden Aufträge zu gewinnen und durch sorgfältige Kalkulation auch gewinnbringend zu bearbeiten.

Worauf kommt es in der Außendarstellung an?

Eine professionelle Website ist schon sehr wichtig. Viele Lackierer sind noch mit einer Art Bauchladen unterwegs, der von Smart-Repair über Oldtimerrestaurierung bis hin zur Industrielackierung alles zeigt, was der Betrieb leisten kann. Meiner Erfahrung nach bringt es mehr, die Dienstleistung Industrielackierung auszugliedern – nach außen hin zunächst mit einer eigenen Website, und wenn man tiefer eingestiegen ist, macht oft auch eine räumliche Trennung der Bereiche Sinn.

Was unternehmen Sie heute, um an Aufträge im Industriebereich zu kommen?

Wir versenden an ausgewählte Adressen
regelmäßig unseren „Industrie-Flyer“, um an Neuaufträge zu kommen. Manche Aufträge kommen auch über das Internet zustande. Bei vielen Aufträgen aus dem Industriebereich handelt es sich auch um Folgeaufträge oder Anfragen, die an uns gerichtet werden, weil wir uns als Spezialist für bestimmte Lackieraufgaben einen Namen gemacht haben. Aber wie gesag: Es kommt auch darauf an, aus einer Vielzahl möglicher Jobs diejenigen auszusuchen, die zu unserer Größe, unserer Kapazität und unserer Ausstattung passen.

Das heißt, Sie könnten theoretisch Aufträge an spezialisierte Kollegen weitergeben …

Jeder Industrielackierer kann das, weil jeder unterschiedliche Voraussetzungen bietet. Genau hier würde ich auch eine sehr gute Chance für Lackierbetriebe sehen, zu kooperieren. Was der eine nicht kann, kann der andere. Warum nicht innerhalb eines Netzwerks Anfragen oder Aufträge weitervermitteln? Ich bin überzeugt davon, dass Lackierbetriebe innerhalb eines solchen Netzwerks das Thema Industrielackierung noch sehr viel effizienter betreiben könnten.

Bernd Böttinger: „ Viele Industrietriebe brauchen externe Lackierer, um Spezialaufgaben zu lösen oder Auftragsspitzen abzuarbeiten.“Fotos: M. Rehm