Von der Silber-       zur Weiß-Ära

BASF Coatings-Chefdesigner Mark Gutjahr über kurz- und langfristige Farbtontrends

Michael Rehm

Als das Lackiererblatt 1992 das erste Mal erschien, war Silber unangefochtener Spitzenreiter in der Farbton-Beliebtheitsskala der deutschen und europäischen Autofahrer – und damit der bestimmende Farbtontrend. Weiß, heute mit 30 Prozent meistverwendeter Farbton, befand sich mit gerade einmal drei Prozent Marktanteil noch tief im Dornröschenschlaf. Einer, der solche Entwicklungen nicht nur verfolgt, sondern aktiv mitgestaltet, ist Mark Gutjahr, seit 2011 Leiter Design EMEA beim Unternehmensbereich Coatings der BASF. Wir sprachen mit ihm über kurz- und langfristige Trends bei Autofarbtönen.
Herr Gutjahr, 25 Jahre in die Zukunft zu blicken, dürfte beim Thema Autofarbtöne schwierig sein – doch wenn Sie 25 Jahre zurückschauen: Was war die interessanteste Entwicklung im Bereich der Autofarben?
Die spektakulärste und sichtbarste Veränderung im Bereich der Autofarben ist sicherlich das Comeback des Farbtons Weiß, der erst im vergangenen Jahr den Zenit seiner Beliebtheit erreicht haben dürfte. Innerhalb weniger Jahre ist aus einer absoluten Unfarbe eine Trendfarbe und schließlich die beliebteste Farbe überhaupt geworden. Einen ähnlich steilen Aufstieg, nur auf zahlenmäßig weit niedrigerem Niveau, gab es bei braunen Farbtönen.
Was wird der nächste Mega-Boom sein?
Ich weiß nicht, ob sich Verschiebungen in dieser Größenordnung noch einmal wiederholen. Der Markt scheint heute zu stark fragmentiert zu sein.
Was war am Weiß-Boom so besonders?
Ich denke, man kann den Weiß-Boom nur vor dem Hintergrund der extrem starken Verbreitung von Silber in den 90er-Jahren und den frühen 2000er-Jahren verstehen. Die 90er waren die Dekade des Silbers. Alles, was technisch, hochwertig, cool wirken sollte, war silbern. In unzähligen Varianten wurde Silber auch am Auto durchgespielt, bis sich natürlich auch ein gewisser Überdruss einstellte.
Und plötzlich war Weiß in Mode?
Plötzlich wurde mit dem iPod ein cooles, hochwertiges, technisches Produkt, das eine ganze Ära begründete, in Weiß präsentiert, in Einrichtungsmagazinen wurden plötzlich weiße High-Tech-Küchen gezeigt, Madonna trug in Videos weiße Trainingsanzüge. Alle Silber-Attribute konnte man auf Weiß übertragen: edel, technisch, sportlich. Und damit wurde Weiß auch zu einem interessanten Autofarbton, obwohl Weiß lacktechnisch ja einige Nachteile bietet.
Welche sind das?
Die Deckkraft ist nicht überragend, weißer Effektlack funktioniert nur als Dreischichter, und viele Autos sahen Weiß nicht auf Anhieb gut aus.
Wie änderte sich das?
Zum einen wurden raffiniertere Weißtöne entwickelt, auch aufpreispflichtige, zum anderen erkannte man, dass bei weißen Autos, um sie gut aussehen zu lassen, auch Anbauteile, Griffe, Spiegel und Leisten in Wagenfarbe lackiert sein müssen, damit der Farbton richtig gut wirkt. Und das funktioniert bis heute: Wenn man Silber und Grau als getrennte Farben wertet, ist Weiß heute die klare Nummer 1.
Gesellschaftliche Trends und Modetrends aus anderen Bereichen haben also starken Einfluss auf die Autofarben. Wie wirken sich denn Megatrends aus dem Automobilsektor auf die Farbtöne aus? Müssen Sie sich zum Beispiel überlegen, wie sich Elektromobilität farblich ausdrückt?
Natürlich, und für uns ist das ein sehr spannendes Thema – auch weil die Hersteller ganz unterschiedlich herangehen. Manche ziehen es vor, zwischen E-Autos und solchen mit Verbrennungsmotor überhaupt keine optischen Unterschiede zu machen – bis hin zum Kühlergrill, den es beim Elektroauto funktionell nicht braucht. Andere Hersteller haben wie BMW mit den blauen Kontrastlichtbändern bestimmte Designelemente für Hybrid- und Elektrofahrzeuge entwickelt. Vor ein paar Jahren war es auch noch beliebt, E-Mobilität mit weißer Fahrzeugfarbe, oft in Verbindung mit Blau oder Grün darzustellen.
Das ist im Zuge des Weiß-Booms natürlich untergegangen …
Richtig, ich finde es aber ohnehin interessanter, ein Thema wie E-Mobilität nicht als Farbe, sondern als Effekt darzustellen. Im Rahmen einer Konzeptstudie haben wir zum Beispiel einen Farbton für einen Tesla entwickelt, der bei bedecktem Himmel wie ein Uni-Blaugrau wirkt, bei Sonneneinstrahlung aber einen sehr starken punktuellen Flop aufweist. Das halte ich für eine sehr schöne und ausbaufähige visuelle Übertragung des Themas Energie.
Carsharing ist ein weiterer Trend im Mobilitätsmarkt. Hat die Tatsache, dass ein zunehmender Anteil an Fahrzeugen gemeinschaftlich genutzt wird, also kein individueller Kunde seine Lieblingsfarbe aussucht, Einfluss auf Ihren Job?
Absolut – hinter Carsharing stehen ja oft Fahrzeughersteller, deren Markenidentität sich auch in der „Flottenfarbe“ ausdrücken soll. Wir beschäftigen uns auch mit der Frage, wie man den für viele Mobilitätskonzepte typischen Übergang zwischen Verkehrsmitteln visualisieren kann. Das ist ein sehr dynamisches Feld, in dem wir mit den Fahrzeugherstellern gemeinsam gewissermaßen Neuland betreten. Traditionell ging es ja immer um Farbtöne für einzelne Modelle und nicht für Marken.
Wie steht es generell um die Farbigkeit? Regelmäßig wird uns ja eine Rückkehr der farbigen Fahrzeuge vorhergesagt, das Straßenbild wird aber immer noch von Schwarz, Weiß und Grau dominiert.
Einen Farbtrend im Straßenbild zu erkennen, ist aber auch ein hohes Ziel. In Deutschland sind rund 45 Millionen Pkw auf den Straße, von denen jedes Jahr etwa drei Millionen ausgetauscht werden. Bis ein Farbtrend wirklich sichtbar wird, dauert es also, oder der Fall tritt gerade bei kleinen Farbbereichen gar nicht ein. Dennoch ist es so, dass es einen steigenden Anteil von farbigen Autos, derzeit vor allem von roten und blauen, gibt.
Woran liegt das?
Auch hier dürfte es einen gewissen Überdruss an den „Nichtfarben“ geben. Eine Rolle spielt aber auch die mittlerweile extrem lange Haltedauer der Fahrzeuge im Privatmarkt von rund neun Jahren. Heute überlegt man sich im Privatmarkt nicht mehr, ob man ein Auto in der eigenen Lieblingsfarbe in ein paar Jahren noch weiterverkaufen kann. Man fährt es einfach, bis es sich nicht mehr verkaufen lässt – oder die Farbe kein verkaufsrelevantes Kriterium mehr ist. So ist man natürlich freier bei der Wahl der Farbe.
Was ist für Sie die nächste Trendfarbe?
Grün ist im Kommen – es gibt extrem spannende Grüntöne, auch bei volumenstarken Modellen. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis dieser Trend auch im Straßenbild wahrnehmbar ist. Das Schöne bei diesem Farbton ist: Zu Grün hat jeder eine Meinung. Grün polarisiert – manche Studien sagen, das liegt daran, dass wir Grün sehr gut sehen und Unterschiede gut erkennen können. Und Grün zeigt das ganze faszinierende Auf und Ab der Autofarben. Demnächst ist Grün eine Trendfarbe, vor ein paar Jahren war Grün ein echter Exot, in den 80er-Jahren repräsentierte Grün dagegen mit 30 Prozent Marktanteil den Massengeschmack.
Herr Gutjahr, vielen Dank für das Gespräch.